Der Verein Multikulturell unterstützt Gründungen durch Frauen mit Migrationshintergrund

Gründungsworkshop mal anders: Der Innsbrucker Verein Multikulturell bietet ab Februar 2018 einen kostenlosen 10-wöchigen Workshop zum Thema Selbstständigkeit für Frauen mit Migrationshintergrund an. Unsere Autorin durfte die Organisatorin der Workshopreihe, Frau Mag. Bitschnau, treffen und hat mit ihr über Schwierigkeiten und Chancen gesprochen und darüber, wie durch Neugründungen die Welt in Innsbruck sichtbar wird.

In einem pastellfarbenen Haus in Innsbruck liegt der Kosmetiksalon von Frau P. Seit 2006 verwöhnt und verschönert sie KundInnen unterschiedlichster Herkunft. Dass ihre Geschichte einmal auf dem Schreibtischen diverser EU-Bürokraten landen würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt wohl nicht. Ihre Ausbildung zur Kosmetikerin hat Frau P. um die Jahrtausendwende in der Türkei absolviert, wo sie auch besondere, traditionelle Techniken erlernte. Obwohl sie schon seit vielen Jahren in Österreich lebte, gestaltete sich der Einstieg ins Arbeitsleben als äußerst schwierig. Im Vergleich zu Einheimischen sind Arbeitssuchende mit Migrationshintergrund zusätzlich mit Sprachbarrieren, interkulturellen Unterschieden und fehlender Anerkennung ihrer im Ausland erlernten Fähigkeiten konfrontiert. Der Weg in die Selbstständigkeit ist eine Alternative zum klassischen Anstellungsverhältnis – die auch Frau P. wählte.

Das Kosmetikstudio ist eines von drei Fallbeispielen, die im Zuge eines Projektantrages bei der EU vom Verein Multikulturell ausgearbeitet wurden. Es handelt sich um das von einer italienischen NGO entwickelte Projekt ARISE, das dazu dient, Frauen mit Migrationshintergrund den Weg in die Selbständigkeit zu ebnen. ARISE steht für Appetite for Enterprise. Der Inhalt des Projektes baut auf Fokusgruppendiskussionen auf, an denen Menschen mit Migrationshintergrund teilnahmen, und Expertenmeinungen, und berücksichtigt sowohl die demographische Struktur, als auch Besonderheiten des Arbeitsmarktes in den jeweils sechs teilnehmenden Ländern.

Als Barbara Bitschnau im Sommer 2017 ihr Büro im Verein Multikulturell bezog, war das Projekt bereits genehmigt. Bitschnau übernahm ab diesem Zeitpunkt die Koordination und das Projektmanagement, kümmerte sich zusammen mit den Partnern um die Erarbeitung eines Programmes, das – wie sie sagt – „Sinn machen, und den Menschen helfen soll“.

Herausgekommen ist folgendes kostenloses Angebot für Innsbrucker Frauen mit Migrationshintergrund: Über eine Zeitspanne von zehn Wochen wird zwei Mal wöchentlich in geschützter Umgebung (sprich männerfrei) zum Thema Selbstständigkeit gearbeitet. Aufgenommen werden vorrangig Drittstaatenangehörige mit Deutschniveau B1/B2. Parallel zum Gründungsworkshop wird ein Business Deutschkurs angeboten, der den Workshop ergänzen, und bereichern soll. „So was macht Sinn, das ist praxisorientiertes Arbeiten“, ist Bitschnau überzeugt.

Der Kurs ist in drei Abschnitte gegliedert.

Teil Eins: Softskills. Seminare mit mehrsprachigen Trainerinnen helfen den Teilnehmenden, ihre individuellen Stärken zu erkennen. Sie werden dazu ermutigt, Ideen vorzutragen, und diese im gegenseitigen Austausch zu optimieren.

Darauf folgt Teil Zwei: Hardskills. Hierzu wird ein externer, auf den Bereich des Arbeitsrechts spezialisierter Mitarbeiter der Arbeiterkammer Tirol eingeladen, die Workshops zu leiten. Er soll den Frauen nicht nur die Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit nehmen, sondern vor allem auch diverse rechtliche Fragen zum Thema beantworten. Der Weg in die Selbständigkeit ist steinig, die rechtlichen Grundlagen komplex und oft unüberschaubar, meint Bitschnau. So stelle sich für die Teilnehmerinnen beispielsweise die Frage nach dem nötigen Zeitaufwand, der Notwendigkeit eines Gewerbescheins, Auswirkungen auf Familienbeihilfe und sonstige staatliche Subventionen und nicht zuletzt der Finanzierung. Der Experte habe selbst Migrationshintergrund, und selbst Deutschunterricht für Geflüchtete gegeben. „Eine Frau müsste er sein, dann wäre er das perfekte Optimum!“, lacht sie.

Schließlich Teil Drei. Ziel ist es zunächst, den Businessplan zu finalisieren. Danach, meint Bitschnau, wird aber noch eine entscheidende Zutat zur erfolgreichen Gründung fehlen: ein Rollenvorbild. Solche Vorbilder wird die Gruppe dann besuchen: Menschen mit Migrationshintergrund, die erfolgreich gegründet haben. FrisörInnen, Dönerbuden- und RestaurantbesitzerInnen, Masseure/Masseusen und auch KosmetikerInnen wie Frau P.. Die Besuche werden nicht nur als Motivation dienen, sondern ebenso die Möglichkeit bieten, den Horizont zu erweitern. Denn oft ist die minimale Abweichung von der Ursprungsidee das gewisse Etwas, das aus etwas Alltäglichem das Besondere macht.

Die Module bauen aufeinander auf, am Ende jedes Abschnittes gibt es eine Fortschrittsevaluierung, um Verbesserungspotenzial zu identifizieren: „learning by doing“. „ARISE ist ein Pilotprojekt, österreichweit gibt es zwar einige explizite Programme für am Gründen interessierte Geflüchtete, die mehr oder weniger gut funktionieren, doch im Aufbau und Zielpublikum ist das Projekt vor allem in Tirol einzigartig.“, erklärt Bitschnau. Sie wünscht sich, dass aus den Workshops die ein oder andere Teilnehmerin den entscheidenden Schritt schließlich wagt.

Ein Schritt, der nicht nur Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit verspricht, sondern ebenso für die österreichische Bevölkerung unzählige Vorteile birgt. Denn solche Gründungen durch Menschen mit Migrationshintergrund bieten unzählige Chancen, in einen interkulturellen Dialog zu treten und gegenseitige Berührungsängste zu überwinden. Es sind Bereicherungen für die Gründer ebenso wie für die einheimische Bevölkerung. Bereicherungen, wie etwa der syrische Seidenweber Mohammed aus Damaskus, der das Seidengeschäft BROKAT gegründet hat und nun auf seinem raumgreifenden, 210-Jahre alten Jacquard Webstuhl zauberhafte Einzelstücke aus Naturseidenstoffen zaubert. Oder die Betreiber des Afrikanisch-Karibischen Supermarktes, mit denen exotischen Gewürzen sich jegliches österreichische Schmankerl aufpeppen lässt. Und auch Frau P., deren kosmetische Techniken sich von den österreichischen unterscheidet.

Durch solche Existenzgründen wird etwas Schönes sichtbar: Die Welt ist in Innsbruck zu Hause.