Im Gespräch mit den Gründern von Sweetsticks x Berghammer

„Na sowas hab i jetzt schon lang nimma gsehn!“. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des circa 70-jährigen Messebesuchers. Es ist Sonntag, der 12. November, wir befinden uns auf der Alpinmesse im Messegelände Innsbruck. Von den aufgeregten Menschenmengen unbeeindruckt steht der Herr vor dem Stand von Sweetsticks x Berghammer und bewundert deren Produkte: Stocknägel. Die kleinen Plaketten aus Blech lassen sich an Ski- und Wanderstöcken befestigen, und dienten früher als Souvenirs und Sammelobjekte. Am Stand werden sowohl neue Designs präsentiert – verziert mit Schriftzügen wie „May the Pow be with you“ oder „It’s shred o’clock“ – als auch traditionelle Motive. Letztere leuchten in schrillen Farben, sind mit Wappen, Kirchtürmen und roten Gondeln verziert, und stehen für einen bestimmten Ort – die Zugspitze, das Bergdorf Going am Wilden Kaiser oder das schweizerische Zermatt zu Beispiel. Über 50.000 verschiedene Nostalgiemotive aus der ganzen Welt sind lieferbar, bei einer Mindestbestellmenge ab 100 Stück. Besucher aller Altersgruppen drängen sich am Tisch, auf dem die Stockwappen präsentiert werden. Kaum einer schenkt den Skistöcken in Leo-Optik, die in der Ecke lehnen, Beachtung. Doch mit jenen hat einst alles begonnen. Das erzählen mir die Gründer Julian Lösche und Sandra Berghammer am folgenden Tag bei einer Tasse Kaffee. In einem gemütlichen Café in der Innsbrucker Altstadt sprechen wir über das Projekt, ihren unternehmerischen Werdegang und die Zukunft.

Die Anfänge

Julian und Sandra sind seit vier Jahren ein Paar, sie haben sich beim Schifahren am Arlberg kennengelernt. „Damals ist Julian in mein Herz gewedelt!“, lacht Sandra. Kein Wunder, dass er damals ihr Herz erobern konnte, hatte Julian doch sein „eher durchschnittliches Outfit“ mit schicken Skistöcken in Holzoptik aufpoliert. Verwendet habe er damals eine Abziehfolie. Das Design kam an, Freunde und Bekannte waren begeistert. Schon bald beschlossen die beiden sportlichen Outdoorfans Skistöcke in Holzoptik in kleinen Mengen für den Verkauf zu produzieren, und begannen, an einem Prototyp zu basteln. Die Holzmusterung wurden dabei nicht mehr auf Klebefolie gedruckt, sondern direkt auf den Stock. So entstanden die weltweit ersten Aluminumstöcke in Holzoptik, später sollten auch höhenverstellbare Wanderstöcke unter dem Namen „Sweetsticks“ angepriesen werden. Die Resonanz war um ein Vielfaches größer als erwartet, erzählen mir die beiden Gründer, über 40 Einzelhändler unterstützen sie bereits beim Markteintritt im Jahr 2013. Die Kunden konnten zwischen acht verschiedenen Designs wählen: ob grün-gelb-roter Rastalook oder Zebramuster, es war für jeden Geschmack etwas dabei. Auch Stöcke im Leomuster wurden damals schon angeboten.

Sweetsticks wird zu Berghammer

Auf die anfängliche Euphorie folgten jedoch drei schneearme Winter, die Nachfrage schwächelte. Die Produktion der Skistöcke war aufwendig und kostenintensiv, die Konkurrenz überwältigend. „Ein Mitarbeiter der Konkurrenz kam auf einer Messe einmal auf mich zu, und meinte herablassend: ‚Vor euch habe ich keine Angst!‘“, erzählt Sandra. Wieder lacht sie – denn mit überheblicher Konkurrenz müssen sich die beiden heute nicht mehr abfinden. Seit 2016 wird Sweetsticks langsam zu Berghammer. Berghammer, das sind die selbstklebenden Stockwappen, die die Besucher der Alpinmesse in den Bann zogen. Berghammer ist ebenso Sandras Nachname.

Wie schon damals bei Ski-und Wanderstöcken geht es auch bei den Stocknägeln darum, Zeitgeist mit Moderne zu verbinden. Dabei kommen die Neuinterpretationen der traditionellen Stocknägel bei den jungen Frischluftfetischisten ebenso gut an wie die modernen Designs. Der Retro-Schick ist angesagt, sagt Julian, außerdem frönten Menschen generationenübergreifend gerne ihre Sammelleidenschaft. Gänzlich neu ist die Idee mit den Stocknägeln nicht, auch die erste „Sweetsticks Limited Edition“ wurde mit einem verziert.

Das Comeback der Stocknägel

Traditionell wurden Stocknägel nach jeder absolvierten Wanderung im ansässigen Souvenirladen erstanden, und stolz auf den hölzernen Wanderstock gehämmert. Wie eine Auszeichnung für die erbrachte Leistung. Sandra erinnert sich: „Ein älterer Herr hat uns bei einer Messe gerügt, dass man die Stocknägel doch nicht einfach so kaufen könne. Die müsse man sich erst verdienen!“ Mit erhobenem Zeigefinger und ganz betroffen sei er dann abgedampft. Auch Marc Twain sammelte Stocknägel, erzählt Julian.

Doch als leichte Aluminumstöcke ihr klobiges Vorgängermodell vom Markt verdrängten, starb auch die Tradition der Stocknägel zunehmend aus, da diese sich nicht mehr befestigen ließen. Die Lösung? Die Plaketten von Berghammer passen wie angegossen auf das 18mm Standard Alurohr, und werden geklebt. Die flachen Wappen werden seit jeher von dem alteingesessenen Familienbetrieb im Allgäu produziert: Horst und Maria sind begeistert vom frischen Wind und teilen ihre Erfahrungen und Expertise gerne.

Werbewapperl

Doch neben modernen Stockwappen mit Lifestyledesigns und den traditionellen Nostalgiewappen gibt es ebenso die Möglichkeit, individuelle Stockwappen zu bestellen. Stockwappen als moderne Merchanidiseartikel. Am Arlberg bekommen die Teilnehmer des Arlberg Run of Fame (dabei geht es um zurückgelegte Höhenmeter pro Tag) neuerdings statt USB-Stick schon zu Beginn der Challenge einen Arlberg-Stocknagel. Das komme bei den Teilnehmern extrem gut an und würde sicherlich auch dem strengen älteren Herr gefallen – schließlich haben sich jene die Auszeichnung redlich verdient.

Während sich Horst und Maria aus dem Allgäu um die Produktion der Wapperl kümmern, konzentrieren sich Sandra und Julia auf solche Werbekooperationen, den Ausbau des Webshops und der Onlinepräsenz und dem Entwurf neuer Motive.

Sandra ist Tirolerin, Julian Berliner – so hat auch ihr Startup zwei Standorte. „Das hat sich eben so ergeben, spezielle Vorteile ergeben sich dadurch nicht wirklich.“, meint Julian und zuckt mit den Schultern. Die meiste Zeit seien sie in Berlin. „Doch die hippen Fashionblogger der deutschen Hauptstadt belächeln dich, wenn du übers Wandern sprichst, da profitiert man sich wirklich von bestehenden Netzwerken.“, fügt Sandra hinzu. Die beiden könnten sich auch eine Zukunft in Innsbruck vorstellen, in der Hauptstadt der Alpen in der Wandern auch richtig cool ist.

Foto: arlbergphotography