Bettina Wenko im Interview

Experiment. Fail. Learn. Repeat. So lautet das Motto von Bettina Wenko, Expertin für Marketing und PR beim CAST* Tirol. In unserem Gespräch über ihren Arbeitsalltag, ihre persönlichen Einblicke in die Tiroler Start-up Szene und über Ausblicke sowie Rückblicke auf spannende Events ziehen sich diese vier Stichworte wie ein roter Faden durch diesen Artikel.

EXPERIMENT: Experimentierfreudigkeit – ausschlaggebend für langanhaltenden Erfolg

Im Innovationsbereich macht man Dinge, die noch nie zuvor jemand gemacht hat. Experimentierfreudigkeit und eine brillante Idee allein sind jedoch noch nicht der Schlüssel zum Erfolg. Aus der Vision heraus, die Anzahl und Erfolgschancen akademischer Gründungen zu erhöhen, entstand 2002 das CAST (Center for Academic Spin-offs Tyrol). Mit dem Ziel, kreative Köpfe am Standort Tirol zu fördern und zu motivieren, werden Ideenträger nicht nur in Form von wirtschaftlichem Know-How, sondern auch bei der Akquise von Start- und Anschlussfinanzierungen und beim Aufbau eines Netzwerkes unterstützt, und von der Idee über den Markteintritt und darüber hinaus begleitet. Als große Herausforderung und Experiment hat auch Bettina Wenko, IWW-Absolventin mit finanzwirtschaftlicher Vertiefung, ihren Jobeinstieg beim CAST beschrieben: nie hätte sie sich gedacht, dass sie sich einmal im Bereich Marketing beruflich verwirklichen könnte. Als Macherin, die danach strebt das große Ganze eines unternehmerischen Systems und das Zusammenspiel unterschiedlicher Tätigkeiten und Bereiche zu verstehen, und mit ihrer spontanen, impulsiven und dynamischen Art, ist Bettina jedoch wie geschaffen dafür, das CAST nach außen hin zu repräsentieren. Dabei zählen Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsorganisation, das Zusammenstellen von Workshops und Seminaren und die Kommunikation mit Netzwerkpartnern zu ihren Hauptaufgaben.

2694 Unternehmensgründungen jährlich (das entspricht 7 Gründungen pro Tag) zeigen eindrucksvoll, dass auch Tiroler und jene, die sich bewusst für diesen Standort entscheiden durchaus experimentierfreudig sind. Die Gründe für das dynamisch wachsende Start-up Ökosystem in Tirol sieht Bettina Wenko als vielschichtig: zum einen spricht die hohe Lebensqualität und die relative Nähe zu relevanten Märkten für den Standort. Zum anderen bietet der entschleunigte Alltag in der Alpenregion gepaart mit einer ausgezeichneten Förderlandschaft und gut ausgebauten Netzwerken vielen Jungunternehmern die Gelegenheit, in Ruhe und fokussiert ihrer Sache nachzugehen.

FAIL: Über die Salonfähigkeit des Scheiterns

Laut Bettina Wenko liegen die größten Hürden, unabhängig vom Standort, bei der Unternehmensgründung oft nicht wie erwartet bei finanziellen Schwierigkeiten, sondern häufig auf der Teamebene. Nur durch die Zusammenarbeit der richtigen Personen und ein stimmiges Gesamtbild kann eine Idee langfristig nach vorne getrieben werden.

Die Startup Szene als Szene, die ständig in Bewegung ist, definiert sich ganz stark über Erfolge. Über Misserfolge wird laut Bettina Wenko im Allgemeinen zu wenig gesprochen und reflektiert. Dabei geht es nicht nur um den Mut, zu gründen, sondern vor allem auch um die Etablierung einer Kultur des Scheiterns. Misserfolge gehören – ganz nach dem Grundsatz trial and error – zu Innovation wie die Lederhosn zum Tiroler. Als Bettina Wenko im Vorjahr die FuckUp Night nach Innsbruck geholt hat, haben 180 Besucher bei der ersten Veranstaltung eindrucksvoll gezeigt, dass die Identifikation eines Ottos und einer Anna Normalverbraucher mit Fehltritten durchwegs höher ist als mit unternehmerischen Erfolgen. Endlich fühlte sich ein breites Publikum angesprochen – abseits von der eingeschworenen Community, die regelmäßig in Wettbewerbs- und Pitch Events aufeinander trifft.

LEARN: Man lernt nie aus

Die Arbeit beim CAST sieht Bettina als ständigen Lernprozess – eine Herausforderung, an der man nicht nur beruflich, sondern auch persönlich wächst. Über 250 Geschäftsideen, wovon über 70 ins Portfolio aufgenommen und auf dem Weg zum Wachstumsunternehmen begleitet wurden, wurden vom interdisziplinären Team des CAST bereits betreut. Dabei kommen mit jedem neuen Projekt aus den Bereichen Forschung, Technologie und Kreativwirtschaft neue Herausforderungen auf Bettina und ihre Kollegen zu. Die Entwicklung eines erfolgreichen Geschäftsmodells, sowie eine fundierte Beratung beim Ideen-, Gründungs- und Wachstumsprozess erfordert nicht nur unternehmerisches Wissen, sondern auch ein gewisses Branchenverständnis. Um diese Dualität zwischen Wissenschaft und betriebswirtschaftlichem Faktor zu gewährleisten, gibt es beim CAST Gründungsberater mit unterschiedlichen Spezialgebieten. Auf dieser Basis wird ein Verantwortlicher definiert, der als Ansprechpartner für die Gründungsteams fungiert. Der regelmäßige Austausch mit den Kollegen ist dabei genauso wichtig wie die Arbeit in einer größeren Runde: Beim CAST wird unter dem Vier-Augen Prinzip gearbeitet, denn im Team nimmt man mehr wahr als alleine. Die Arbeit in der Szene erfordert vor allem Geschick auf der zwischenmenschlichen Ebene und das dafür notwendige Fingerspitzengefühl.

Als Mitarbeiter beim CAST sieht sich Bettina als Teil des Entwicklungs- und Lernprozesses eines jungen Unternehmens, und ihr beruflicher Erfolg definiert sich über all jene Projekte, die erfolgreich aus diesem Prozess herausgehen. Am meisten Kraft und berufliche Motivation schöpft sie aus den Momenten, in denen Gründer noch nach Jahren auf sie zukommen, und sich für ihren sichtbaren Beitrag zum Erfolg des CAST und der Verfolgung seiner unternehmerischen Ziele bedanken. Am schönsten ist es für sie, wenn Gründer ihren unternehmerischen Erfolg auch mit dem CAST in Verbindung bringen.

Ganz im Zeichen von Peer Learning, einem interaktiven Erfahrungsaustausch, steht jährlich der 2012 in Kooperation mit dem Austrian Wirtschaftsservice ins Leben gerufene Startup Day, den Bettina auch von Anfang an mit aufgebaut hat. Reicher an Wissen, Impulsen, Inspiration und einem ausgereifteren Geschäftsmodell sollen die Teilnehmer nach einem intensiven Tag nach Hause gehen. Heuer war der Tag, der als jährlicher Fixpunkt in Westösterreich´s Gründungsszene von Kennern lang ersehnt wird, erstmals nach Vorgründung, Gründung und frühem Wachstum strukturiert.

REPEAT: Ausdauer wird belohnt

Ein vom Lernen geprägter Arbeitsalltag, wie Bettina es beschreibt, setzt ein hohes Maß an Persistenz voraus – Misserfolge und Fehler sollen nicht entmutigen, sondern anspornen, denn  man sollte immer danach streben, kleine und große Erfolge noch zu toppen. Bettina beschreibt sich selbst als „ständig in Entwicklung, ständig in Bewegung“ und ist mit dem Ergebnis ihrer Arbeit nie zu Hundertprozent zufrieden, da immer Verbesserungspotenzial herrscht und sich aus kleinen, oft unbedeutenden Fehlern am meisten entwickeln kann.

Als lebendiger Prozess ist auch die Arbeit und Kooperation mit den Gesellschaftern und Partnern beim CAST zu sehen: Gemeinsam mit den Gesellschaftern LFU, der Med Uni, dem MCI und der Standortagentur Tirol sowie allen Partnern am Standort stellt man sich die Frage, wie Wissenschaftstransfer und Gründung am besten gelingen kann, und durch gemeinsame Arbeit und diverse Veranstaltungen möchte man den Studierenden ein Bewusstsein für die Möglichkeit einer Unternehmensgründung vermitteln.

Experiment. Fail. Learn. Repeat. Ein Motto, das sich ein jeder zu Herzen nehmen kann. 

*Anmerkung der Redaktion: Bettina Wenko verlässt das CAST zum Ende des Jahres 2016 – steht der Szene jedoch weiterhin als Mentor  & Coach zur Verfügung.

(c) Beitragsbild: David Herzig