In Berlin trafen wir die gebürtige Österreicherin Antonia Albert, die zusammen mit ihrem Bruder das Startup Careship gegründet hat. Zur Zeit des Interviews befand sich das junge Team gerade im Programm des Axel Springer Accelerators Plug & Play. Im Interview mit ihr sprachen wir darüber, wie es zur Idee kam, was ein Accelerator jungen Startups bietet und in welchen Bereichen Österreich noch Nachholbedarf in Sachen Gründungsförderung hat.

Was ist Careship?

Careship ist eine online Plattform zur Pflege und Betreuung von Senioren. Unsere Vision ist es, der One-Stop Shop zu sein, bei dem man alles findet, was Senioren im Falle der Pflegebedürftigkeit brauchen. Wir wollen unseren Service so anbieten, dass sich die Generation darunter, die sich meist um die Pflege kümmert, an einen Anbieter wenden kann, bei dem sie alles bekommt. Wir beginnen zunächst mit der Buchung  der Betreuung und Pflege und verstehen uns hier als Vermittler. Der Kunde kommt auf die Plattform, erklärt seine Situation und bekommt einen passenden Pfleger vermittelt. Wenn du dich beispielsweise um die Pflege kümmerst, sagst du uns was du brauchst, wie oft du uns brauchst und wann du uns brauchst. Auf Basis der angegebenen Daten matchen wir das mit den Pflegern und schlagen dir drei Profile vor. Du kannst dir dann einen Pfleger aussuchen, online buchen und sofort bezahlen. Unsere Wertschaffung ist, dass wir es Pflegesuchenden ermöglichen wollen, einfach und transparent, online an Informationen zu gelangen, direkt zu buchen und auch informiert darüber zu bleiben, was passiert, wenn die Pflege gebucht wurde. In Deutschland ist der Markt unglaublich fragmentiert. Es gibt 14 000 ambulante Pflegedienste, aber es gibt keinen Einzigen, der transparent ist, der online ist, der einfach ist und wo man online alles abwickeln kann. Auf der anderen Seite sind wir der Meinung, dass der Beruf Pflege an sich nicht genug wertgeschätzt wird und dass es dem Pfleger auch an einem attraktiven Portal fehlt, wo er mit seinem Profil kostenlos seine Leistungen anbieten kann, seinen eigenen Preis bestimmen kann und so auch an neue Kunden herankommen kann. Dadurch kann der Pfleger sich auf das konzentrieren, was er am besten kann – die Pflege. Das ist unser Produkt.

Wie entstand die Idee?

Die Idee entstand, weil meine Großeltern pflegebedürftig wurden und die Frustration meiner Eltern im Bezug auf das Betreuungsangebot sehr groß war. Meistens passiert das ja sehr spontan, im Sinne von: Was passiert jetzt? Wo finde ich einen Pfleger? Wie komm ich zu den Informationen? Auf was habe ich Anspruch bei meiner Krankenkasse? Was kann ich denn alles machen und wie organisiere ich mich eigentlich? Das war ein großes Problem und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass in der heutigen Zeit, wo es für jeden Staubsauger einen Preisvergleich und einen Bewertungsvergleich gibt, der Bereich Pflege und Pflegeorganisationen so völlig intransparent ist. Du hast keine Ahnung was es kostet und musst überall den Hörer selbst in die Hand nehmen und die Verfügbarkeiten überprüfen, die Leistungen überprüfen, den Preis überprüfen, weil es nirgendwo eine Übersicht gibt. Das fand ich total frustrierend. Dann habe ich begonnen, mir den Markt anzuschauen und bin darauf gekommen, dass es einen solchen Vergleich nicht gibt und so entstand die Idee. Ich dachte mir aus der Situation heraus: man muss das ändern können! Und ich bin überzeugt davon, dass man im Bereich Pflege etwas sehr Interessantes machen kann. Nur der Markt ist so eingeschlafen und so verstaubt, dass im Vergleich zu anderen Märkten kaum Innovationen passieren. Ich habe mich dann mit meinem Bruder ausgetauscht. Der fand die Idee aus einer anderen Sicht interessant – wir ergänzen uns sehr gut, weil er einfach den technischen Hintergrund hat und ich den wirtschaftlichen. So kam es zur Idee und zum intrinsischen Interesse, etwas zu bewegen und zu verändern und letztendlich Careship zu gründen.

Wie ging es weiter?

Mit meinem Bruder zusammen habe ich dann weiter an der Idee gearbeitet. Wir haben den Markt analysiert und kamen zu der Frage, wie machen wir weiter und wie finanzieren wir uns? Es gibt ja prinzipiell drei Möglichkeiten: a) man macht es bootstrapping-mäßig mit Family und Friends, b) man sucht sich Business Angels und sucht welche, die auch kleinere Tickets in der sehr frühen Phase vergeben würden oder c) man spricht mit einem Accelerator, der ein gewisses Programm hat, für das man sich bewerben kann. Oder man hat einfach große Ersparnisse, so dass man sich selbst finanzieren kann – was bei uns aber nicht der Fall war. Die erste Möglichkeit, Fools, Family und Friends haben wir gleich zu Beginn ausgeschlossen. Da sowieso schon mein Bruder und ich bei Careship beteiligt sind, wollten wir nicht die ganze Familie am Tisch sitzen haben. Das ist immer eine heikle Thematik und wir haben nach anderen Möglichkeiten gesucht. Bei der zweiten Möglichkeit, mit einzelnen Business Angels zu sprechen, stellte sich die Frage, wo wir die überhaupt finden. Wo finden wir jemanden, der an uns als so junges Team und in einer so frühen Phase der Idee, es war ja wirklich nur die Idee, glaubt und in uns als Team investieren würde? Und dann muss es ja auch vom „Fit“ her passen, also auch von der strategischen Seite. Wenn ein Business Angel so früh investiert, ist er ja auch operativ involviert. Da hatten wir einfach nicht die richtigen Kontakte. Und dann kamen wir schnell auf Option Nummer drei – die Bewerbung bei einem Accelerator.

Wie lief die Bewerbungsphase bei den Accelerators ab?

Ich war zu der Zeit noch berufstätig und mein Bruder in Berkeley, als wir uns entschlossen haben, mit ein paar Accelerators zu sprechen. Im Bewerbungsprozess von Plug & Play füllt man ganz einfach eine online Bewerbung aus. Plug & Play ist ein fixes Programm, das ein Startdatum und ein Enddatum hat, es gibt eine Bewerbungsfrist und du weißt ganz genau, es ist immer derselbe Deal. Du füllst online das Formular aus, da beschreibst du deine Idee, dein Business Model, wie du Revenue generierst, wie du dich siehst, ein paar Fragen zum Team und ein kurzes selbstgedrehtes Video. Wenn sie das bisher gut fanden, wirst du zum Pitch eingeladen. Am Anfang geht es stark um die Team Komponente, weil alle Accelerators immer zuerst ins Team investieren. Sie sind der Ansicht, dass man mit einem guten Team alles machen kann. Zu Beginn bewegt man sich immer noch ein bisschen mit der Idee, man ist links und rechts noch sehr offen. Dann wird man zum Pitch eingeladen, bei dem dann Leute von Axel Springer, vom Plug & Play, ein paar andere Investoren und Corporate Partners anwesend sind. Jedes Team bekommt einen Slot von circa 20 – 25 Minuten. Zehn Minuten wird gepitcht mit anschließender, offener Fragerunde. Innerhalb von 2-3 Wochen erhielten wir dann die Zusage mit dem Startdatum. Das Programm ging für uns am 3. August los und dauert bis zum 31. Oktober.

Was bietet euch der Accelerator Plug & Play?

Man bekommt 25 000 Euro Startkapital für 5% Equity. Als Part of the Package gibt es Mentoring, Workshops, Schulungen und ein Programm zur Verfügung gestellt. Wir haben unter anderem einen eigenen Investment Manager, den treffen wir einmal pro Woche und besprechen unser Business Model. Er stellt uns auch anderen Investoren vor, mit  denen wir über potentielle Finanzierungsmöglichkeiten sprechen. Wir haben Workshops zu allen möglichen Themen, wie  zum Beispiel online Marketing, Steuern, Fördermöglichkeiten, von A bis Z einfach alles, was Startups interessieren könnte. Wenn ein Thema nicht dabei ist, das aber für dich interessant und relevant ist, kann man Vorschläge einbringen und sie versuchen es aufzusetzen. Da arbeiten sie auch eng mit anderen Unternehmen zusammen, beispielsweise beim Thema Steuern und anderen Pain Themen wie Lohnbuchhaltung kommt jemand von externen Unternehmen oder Beratungen wie der KPMG und hält einen Workshop. Da haben wir wirklich einen Expertenzugang, den wir so – ohne Teil des Accelerators zu sein – nicht hätten.

Wir haben uns auch bei anderen Accleratoren beworben, aber bei Plug & Play hat es am Ende am besten gepasst. Es heißt ja nicht, dass die Programme alle gleichzeitig beginnen. In Berlin gibt es sehr viele verschiedene Acceleratoren. Die großen, und damit meine ich die, die momentan sehr beliebt sind, sind der Hubraum, Microsoft Ventures und ProSiebenSat1. Die sind aber teils erst Mitte September gestartet, wir wollten aber loslegen und da hat es bei Plug & Play besser gepasst. Die Deals sind immer unterschiedlich. Wir haben uns alles angeschaut und fanden das Angebot beziehungsweise die Leistungen von Plug & Play am besten. Das Programm hier dauert drei Monate und endet mit dem Demo Day. Das ist ein großes Event, bei welchem das ganze Netzwerk eingeladen wird und die einzelnen Teams noch einmal final pitchen. Es geht darum, am Ende vom Programm  eine neue Finanzierungsrunde aufzustellen. Davor gibt es zwei Mentorentage, bei denen jeweils circa 50 Investoren eingeladen werden. Jedes Team bekommt dann drei Sessions á vier Investoren, mit denen man den ganzen Business Case besprechen kann. Wir sind super zufrieden mit dem Programm. Wir sind hier an so viele wertvolle Kontakte gekommen und haben das Gefühl, dass sie uns hier wirklich versuchen aktiv aufzubauen und zu vernetzen.

Gibt es vergleichbare Alternativen in Österreich?

Wie das in diesem Rahmen hier passiert, das gibt es in Wien nicht. Wenn man sich mit der Thematik Accelerator befasst, wüsste ich zum Beispiel gar nicht wo ich in Österreich einen Accelerator finden würde. In Österreich ist es auch vom Mindset her ein bisschen weit entfernt, dass man sagen könnte, man pitcht ein paar Mal und findet sofort jemanden, der dir den Betrag gibt, den du brauchst. Also gefühlt dauert es noch länger, es ist schwieriger an Kontakte zu kommen und es gibt de facto nicht die Möglichkeit, nach Wien zu gehen und sich bei drei Accelerators zu bewerben. Und da ist es in Berlin ganz anders. Berlin ist hier super fortgeschritten, es gibt unfassbar viele Möglichkeiten,  was man als Gründer machen kann. Es gibt Plug & Play,  es gibt den Hubraum, es gibt Microsoft Ventures… Dann gibt es noch für jeden Subbereich einen eigenen Accelerator, der sich thematisch spezialisiert hat.

Du bist hier in so einem Environment, wo das alles einfach möglich ist. Wir haben nie darüber nachgedacht, machen wir Wien oder Berlin. Man merkt ja, dass sich ziemlich viel tut in Österreich. Der Unterschied ist aber, dass dir hier in Berlin, wenn es um das Thema Gründung geht, alles zur Verfügung gestellt wird, was du brauchst. Alle Service Provider wie Notar, Steuerberatung,  Anwalt sind auf Startups spezialisiert. Die wissen was Startups brauchen, wie sie mit Startups umgehen müssen, haben eigene Konditionen für Startups. Die sehen da die große Chance mit einem jungen Unternehmen zu arbeiten. Das ist im Moment so ein großes Geschäftsfeld, das jedem eine ganz neues Klientel beschafft. Und den Gründern wird es enorm erleichtert, den ganzen administrativen Papierkram abzuwickeln. Das geht einfach alles viel schneller. Das sehe ich jetzt als großen Vorteil von Berlin. Gefühlt hat hier jeder ein Startup  – das ist ein normales Thema in dieser Kultur geworden. Um dieses Ökosystem hat sich so viel herum entwickelt, dass Berlin sehr attraktiv für Gründungen geworden ist.

Ist ein Accelerator für ein junges Unternehmen die beste Möglichkeit zu starten?

Es kommt glaube ich wirklich darauf an, in welchem Stadium du dich befindest. Wir waren ein einer so frühen Phase – wir hatten die Idee, aber wir hatten noch nicht gegründet – da hat es natürlich Sinn gemacht, sich bei einem Accelerator zu bewerben. Wären wir jetzt schon 1 Jahr am Markt gewesen und hätten ein Team gehabt, hätte ich mir es nochmal überlegt, ob ich das hier mache. Es ist schon auf Teams ausgelegt, die sich noch in der Anfangsphase befinden.

Wie ist euer Team aufgestellt?

Unser Team besteht aus meinem Bruder, mir und Armin, ein sehr guter Freund von mir und meinem Bruder. Armin kommt auch aus Wien, hat aber in der Schweiz und in Stanford studiert. Dann haben wir noch einen Arzt an Board, einen Praktikanten, der sich ein bisschen um das Business Development kümmert, und einen Entwickler. Die haben wir alle selber rekrutiert, allerdings gibt es auch die Möglichkeit über Plug & Play an Teammitglieder zu kommen.

Wie generiert ihr Umsatz?

Wir sind ein klassisches Marktplatz Modell und verlangen pro Buchung eine Provision von der Nachfrageseite.

Wo siehst du persönliche Vorteile beziehungsweise Nachteile bei einer Gründung?

Also zu den Benefits: Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel gelernt. Du machst extrem viel und übernimmst auch viele bereichsübergreifende Aufgaben. Du bist in den Ressourcen derart limitiert, dass du immer mit dem „quickest win“ arbeiten musst – dadurch lernst du einfach sehr, sehr viel. Und ich hatte noch nie so viel Spaß an der Arbeit wie in den letzten Monaten. Natürlich hast du manchmal auch schlechte Tage, wo mal was nicht so schnell voran geht oder was nicht so läuft, wie du es gerne hättest, aber ich hätte nie gedacht, dass es mir so viel Freude bereitet.

Und zu den Nachteilen: Du bist natürlich nicht mehr im Angestelltenverhältnis, es hängt alles von dir ab, ob es funktioniert oder nicht. Du stellst andere Dinge zurück wie Urlaub oder Freizeit und du lebst anders, weil du nicht dein fixes Gehalt bekommst. Aber ich würde das nicht als Nachteil bezeichnen, weil die Benefits einfach überwiegen und es mir so viel Spaß macht.