Über Besonderheiten von Spin-Offs im Physical – & Life Science Bereich

Dr. Pinar Kilickiran, Expertin für Physical and Life Sciences beim CAST Tirol erklärt im Interview in welcher Weise sich Neugründungen in medizinischer und naturwissenschaftlicher Forschung von Spin-Offs in anderen Bereichen unterscheiden, und gibt einen Einblick in ihre Arbeitsweise bei der Betreuung dieser innovativen Projekte.

Schnittstelle Forschung

Das CAST (Center for Academic Spin-offs Tyrol) entstand 2002 aus der Vision heraus, die Anzahl und Erfolgschancen akademischer Gründungen zu erhöhen. Mit dem Ziel, kreative Köpfe am Standort Tirol zu fördern und zu motivieren, werden Ideenträger nicht nur in Form wirtschaftlichen Know-Hows, sondern auch bei der Akquise von Start- und Anschlussfinanzierungen und beim Aufbau eines Netzwerkes unterstützt, und von der Idee über den Markteintritt und darüber hinaus begleitet. Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung nach bereichernden Erfahrungen als Team- und Projektleiterin von interdisziplinären und multinationalen Teams sowie Forschungstätigkeiten vor allem im Bereich Material-/Technologieentwicklung fand Pinar Kilickiran vor etwas mehr als drei Jahren zum CAST. Als Expertin für Physical und Life Sciences umfassen ihre Kompetenzen vor allem fachliche Beratung und Coaching, sowie Potenzialscouting, Patentberatung und Lizenzierung von Gründungsteams im naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereich.

Die Entwicklung eines erfolgreichen Geschäftsmodells, sowie eine fundierte Beratung beim Ideen-, Gründungs- und Wachstumsprozess erfordert nicht nur unternehmerisches Wissen, sondern auch ein gewisses Branchenverständnis. Um diese Dualität zwischen Wissenschaft und dem betriebswirtschaftlichem Faktor zu gewährleisten, gibt es beim CAST Gründungsberater mit unterschiedlichen Spezialgebieten. Auf dieser Basis wird ein Verantwortlicher definiert, der als Ansprechpartner für die Gründungsteams fungiert. Nach dem Chemiestudium und Forschungstätigkeiten an der Universität Braunschweig und Stanford bringt Pinar zweifellos gerade jenes wissenschaftliche Verständnis mit, das bei Neugründungen im naturwissenschaftlichen Bereich wesentlich ist. Dabei glaubt sie, dass ihr das Chemiestudium vor allem ein grundsätzliches Verständnis für naturwissenschaftliche Prozesse sowie die Fähigkeit, analytisch und wissenschaftlich zu denken vermittelt hat.

Die Arbeit beim CAST sieht Pinar als abwechslungsreich und als ständigen Lernprozess – eine Herausforderung, an der man nicht nur beruflich, sondern auch persönlich wächst: es gibt keine Konstanten, kein Projekt ähnelt einem anderen und mit jedem Projekt kommen neue Herausforderungen auf Pinar und ihre Kollegen zu. „Jedes Projekt hat seine eigene Herausforderung“ meint Pinar und präzisiert, dass diese nicht immer die Projekte an sich betreffen, sondern auch die Teams oder deren Konstellation und nicht selten auch an der Finanzierung liegen.

Medizinische Spin-Offs im Fokus

Dabei liegt der Fokus vor allem auch auf dem Prozess, die Gründerteams, wie Pinar es nennt, „förderfit“ zu machen, denn besonders klinische Studien sind überdurchschnittlich aufwendig, sowohl im finanziellen als auch im zeitlichen Rahmen. Bereits ganz am Anfang kommt beispielsweise die kostspielige Patentanmeldung, die besonders im medizinischen Bereich wesentlich ist, auf die Erfinder zu – dabei muss man laut Pinar schon mal mit mindestens 10.000 Euro rechnen. Bei solchen Summen ist es höchst wahrscheinlich, dass die Innovatoren auf externe Geldgeber angewiesen sind. Auf der Suche nach Investoren unterstützt Pinar im Durchschnitt 4 Gründerteams bei der Entwicklung von Business Plänen und Pitch Trainings. Grundsätzlich kann man sich den Gründungsprozess eines naturwissenschaftlichen oder medizinischen Spin-Offs in etwa folgendermaßen vorstellen:

Schritt 1: Potenzialscouting

Pinar bezeichnet sich selbst als „Brückenbauerin“ in zweierlei Hinsicht: erstens als Verbindung zwischen Forschung und Wirtschaft, andererseits durch die Identifikation eines Synergiepotenzials, indem sie Menschen zusammen bringt, die voneinander profitieren können.  Generell ist sie der Meinung, dass man im Bereich Life Sciences/Physical Sciences nicht unbedingt proaktiver nach Potenzial suchen muss als in anderen Bereichen, dennoch verbringt sie viel Zeit an der Universität und schaut sich regelmäßig unterschiedliche Projekte an, wobei sie damit gemeinsam mit dem SCF (Service Center Forschung) die Funktion des Technologietransfers von der Forschung in die Wirtschaft übernimmt.

Schritt 2: Bewertung

Die Bewertung erfolgt sowohl aus wissenschaftlicher als auch wirtschaftlicher Sicht. Durch naturwissenschaftliche Spin-Offs wird die Wettbewerbsfähigkeit des Standort Österreichs längerfristig gesichert – akademische Start-ups sind Innovatoren, die Österreich besonders braucht, denn sie eröffnen verborgene Marktnischen und ermöglichen so die Identifikation völlig neuer Märkte.

Schritt 3: Preinkubationsphase

Wird ein Projekt aus beiderlei Sicht abgesegnet, so beginnt die Preinkubationsphase, in der besonders eng mit dem CAST zusammen gearbeitet wird. Dabei reicht das Leistungsspektrum von der Weckung des Gründungsgeistes  bis zum erfolgreichen Aufsetzen eines Businessplans und beinhaltet insbesondere eine intensive Betreuung durch Berater mit wissenschaftlicher Ausbildung und betriebswirtschaftlicher Expertise. In dieser Phase beginnt ebenfalls bereits eine Integration in relevante Netzwerke, kontinuierliche Feedbackschleifen unterstützen den Entwicklungs- und Entstehungsprozess des Geschäftsmodells. Mit der CAST Winter School, die heuer bereits zum vierten Mal in Hochpillberg (Tirol) stattfindet, organisiert Pinar Jahr für Jahr ein besonders spannendes Event, das sich vor allem an Gründerteams in dieser Phase richtet. Zurückgezogen auf 1.330 Höhenmeter und ohne Internetempfang können sich die kreativen Köpfe umgeben von motivierten Gleichgesinnten vollständig und frei von alltäglichen Ablenkungen ihren Ideen widmen.

Schritt 4: Gründungsbeirat

Im Gründungsbeitrat treffen die Innovatoren auf Vertreter von Gesellschaftern und externe Experten wie beispielsweise der aws oder der Landesförderung des Landes Tirol, die es für ihre Idee zu begeistern gilt. Der Gründungsbeirat ist dabei nicht nur Bewährungsprobe sondern auch ein Meilenstein in der Gründungsphase, auf den monatelang hingearbeitet wurde. In freundlicher Atmosphäre wird das Geschäftsmodell diskutiert, konstruktives Feedback angebracht und weitere Zukunftspläne geschmiedet.

Schritt 5: Inkubationsphase

Auch nach dem Gründungsbeirat bleibt das CAST an der Seite der jungen Gründer, wobei nun vor allem die Suche nach Geldgebern im Vordergrund steht und persönliche Treffen seltener stattfinden. „Ein Start-Up Unternehmen muss selbst und ständig arbeiten“ so Pinar im Interview.

Passend dazu auch einer ihrer Leitsprüche: „Opportunity is missed by most people because it is dressed in overalls and looks like work”. Jungen motivierten Innovatoren möchte sie vor allem eines mitgeben: um Verbesserungspotenzial zu identifizieren, muss man mit offenen Augen durch die Welt gehen. Sobald man ein Problem gefunden hat, gilt es dafür kreative Lösungen zu finden und keine Scheu zu haben, mit diesen nach außen zu treten.