Die Revolution der künstlichen Schneeproduktion

Michael Bacher ist einer der Gründer des Startups Neuschnee (gegr. 2014), das sich zum Ziel gesetzt hat, die künstliche Schneeproduktion zu revolutionieren. Er kommt ursprünglich aus der Forschung. Bacher startete seine wissenschaftliche Karriere 2004 am Institut für Alpine Gefahren der BOKU (Universität für Bodenkultur) in Wien, wo er die Aufgabe bekam, den Arbeitsbereich „Schnee und Lawinen“ aufzubauen. Dabei beschäftigte er sich intensiv mit dem natürlichen Schneedeckenaufbau – und bald auch mit der Suche nach Methoden, um natürlichen Schnee ins Labor zu bringen. In Kooperation mit einer Gruppe von Wissenschaftlern (Kooperationszentrum TTL, Technik-Tourismus-Landschaft) und Erfindern sowie unter der Berücksichtigung der Ziele von Tourismusforschern, entstand die Idee zur naturnahen Schneeproduktion. Am Ende standen eine Patentanmeldung und zwei Projekte zur Umsetzung des Patents. Die Gründung eines eigenen Unternehmens wurde beschlossen, da keine weiteren universitären Forschungsmittel verfügbar waren und kein Industriepartner gefunden wurde. Das Startup soll die Weiterentwicklung des Patents garantieren. Bacher und seine Kollegen arbeiten weiterhin in einer Kooperation mit der BOKU und der TU (Technische Universität) Wien.

Startups zeichnen sich meist durch zwei Merkmale aus: Sie sind innovativ und skalierbar. Die künstliche Beschneiung ist mittlerweile ein eigener, ja gigantischer Industriezweig geworden. In Österreich sollen über 70 Prozent der Pistenflächen beschneibar sein, in Südtirol sogar noch mehr. 10.000 Schneekanonen sind in Tirol im Einsatz. Wie positioniert man sich auf diesem Markt?

Ich halte den Markt für technische Beschneiung, so wie wir technischen Schnee oder Kunstschnee wahrnehmen, als gesättigt. Wie du sagst, sind Skigebiete bereits bestens mit Schneekanonen (oder Schneilanzen) versorgt. Nicht zu unterschätzen ist auch die enorme Summe von rund 1.5 Mrd. EUR, die in den letzten 10 Jahren in Schneeerzeuger und die dafür notwendige Infrastruktur investiert wurde (alleine in Österreich). Wir können als Startup hier nur punkten, wenn wir Dinge anders machen. In erster Linie ist das der Schnee bzw. die Schneequalität. Wir können leichten Naturschnee erzeugen. Im Detail schaut der aus wie Schnee, der auch vom Himmel fällt. Dass dieser Schnee einen besseren Pistenkomfort bedeutet als herkömmlicher Kunstschnee, ist bekannt. Allerdings fehlt bis jetzt die Planbarkeit, denn den Schneefall kann man noch nicht bestellen. Mit unseren Anlagen kann Schnee von hoher Qualität aber auf Knopfdruck erzeugt werden. Trotzdem wollen wir nicht mit einer Flächenanwendung starten, sondern zuerst eine Nische besetzen, in der wir Mikroanwendungen für Skigebiete realisieren. Das heißt kein komplett beschneites Skigebiet mit unserem Schnee, sondern kleine Abschnitte bis hin zu abgegrenzten Bereichen, bei denen das eigentliche Pistenskifahren mit dem Spiel und Spaß verschmilzt. Langfristig haben wir auf jeden Fall vor, unseren Schnee auch großflächiger in den Skigebieten einzusetzen.

Ich bin selbst begeisterter Skifahrer und habe mich kundig gemacht: Der herkömmliche Kunstschnee ist ja im eigentlichen Sinn gar kein „Schnee“, da keine Schneekristalle, sondern nur Kügelchen produziert werden. Daraus folgt, dass die befahrbare Piste zwar kompakt ist und sich gut hält, aber auch härter zu befahren ist als Naturschnee. Zwischen Kunst und Naturschnee liegen Welten. Ist das euer großes Plus, dass ihr dieses Manko eventuell lösen könnt? 

Ja, ganz genau. Wir können eigentlich „nur“ leichten, naturähnlichen Schnee herstellen. Richtig schweren Schnee, der aus rundkörnigen Partikeln besteht, können wir in unserer Wolkenkammer nicht machen. Aus meiner Sicht kann daraus in Zukunft ein Szenario entstehen, bei dem die Grundbeschneiung mit etablierten Systemen gemacht wird, aber überall dort, wo eine hohe Pistenqualität verlangt wird, unser Schnee zum Einsatz kommt. Dass wir durch unsere Methode Wasser und Energie einsparen können, ist ein angenehmer Nebeneffekt.

Wie schafft man es, etwas so komplexes wie einen Schneekristall zu produzieren? Man sagt ja, kein ‚Kristall gleicht dem anderen. Muss es auch bei euch Minusgrade haben oder habt ihr ganz neue Möglichkeiten? Erklär uns das bitte ganz kurz.

Unser Verfahren kopiert den Vorgang in einer natürlichen Wolke. Das heißt, ähnlich wie die bekannten Schneekanonen auch, zerstäuben wir Wasser mit speziellen Düsen und erzeugen so einen Nebel, eine künstliche Wolke. Dann fügen wir Nukleationspunkte – also Eiskeime – hinzu. Das sind kleinste gefrorene Eisplättchen (ca. 5 Mikrometer, das entspricht fünf millionstel Metern oder 0,005 Millimetern). Das sind die besten Eiskeime überhaupt. Und an denen wachsen dann die weiteren Eiskristalle heran, weil in unserer Wolkenkammer der Nebel nicht durch Wind oder Konvektion vertragen wird. Im Grund lassen wir also keinen einzelnen Kristall wachsen, sondern schaffen die Bedingungen, damit hunderttausende gleichzeitig wachsen können. Gleich wie in der Natur. Der einzige Unterschied ist, dass unsere Wolke relativ klein ist und daher der Prozess im Vergleich zur Natur intensiviert werden muss. In der Natur verfügen Wolken über ein Volumen von mehreren Kubikkilometern. Bei uns sind es nur wenige Kubikmeter.

Heißt das, ihr gebt den Skifahrerinnen und Skifahrern ein Stück Natur zurück?

Genauso sehen wir das auch. Ähnlich wie in der Natur, ist unser Schnee bei tiefen Temperaturen leicht und fluffig und bei höheren – nahe dem Gefrierpunkt – etwas schwerer. Aber im Grunde bleibt immer diese fein verzweigte Struktur, die den Naturschnee ausmacht.

Ein großes Thema bei der künstlichen Schneeproduktion sind die hohen Kosten und der irrsinnige Wasser- und Energieverbrauch. Zuletzt war sogar von kühlenden Leitungen unter ganzen Pisten die Rede. Da der Naturschnee immer mehr ausbleibt, muss man immer häufiger künstlich nachhelfen. Gibt es einen „Peak Kunstschnee“ – sprich, den Punkt, an dem das Produzieren und Beschneien so aufwendig und teuer wird, dass es sich nicht mehr rechnet?

Ich habe diese Diskussion über kühlende Pistenflächen verfolgt, halte aber die Aufregung darüber für überzogen. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass es in Tirol viele Täler gibt, die ohne die Wertschöpfung aus dem Wintertourismus so nicht existieren könnten. Gleichzeitig ist es notwendig, die enge Verzahnung der Mikro-Volkswirtschaften zu verstehen: Ohne Wintertourismus im Paznaun, würden höchst wahrscheinlich im Unterinntal viele Arbeitsplätze wegfallen. Tatsächlich steigt mit höheren Temperaturen die Beschneiungsintensität. Es ist durchaus realistisch, dass tiefer gelegene Schigebiete in Zukunft auch mit Hilfe der konventionellen Beschneiungsmethoden so nicht mehr überleben können. Ich denke daher, dass es weniger eine Frage des Preises ist, der diesen „Peak-Kunstschnee“ definiert, sondern vielmehr die fehlenden tiefen Temperaturen.

Du hast bereits erwähnt, dass mit eurer Methode Wasser und Energie gespart wird. Wie sehr wird euch dieser Punkt in Zukunft nutzen, auch mit Hinblick auf den Perspektivenwechselwechsel unserer Gesellschaft hin zur Nachhaltigkeit?

Wir denken, dass es eben für viele Wintersportler nicht notwendig ist, 90 Hektar Skipiste zur Verfügung zu haben. Für Familien reicht ein kleiner Hang, um das Skifahren zu lernen oder Spiel und Spaß im Schnee zu genießen. Das ist auch Wintersport. Allerdings nicht im Sinne der großen Infrastrukturanbieter. Dass unsere Anlagen weniger Energie und Wasser benötigen werden als konventionelle Systeme, dafür müssen wir erst den letzten Beweis antreten. Die Testergebnisse sind allerdings sehr vielversprechend. Ökologie und Nachhaltigkeit sind ein Megatrend und daher scheint unsere Technologie hier den Nerv der Zeit zu treffen. Allerdings glaube ich auch, dass es mehr um den Spaß, das Erlebnis und das Abenteuer geht, das uns alle zum Wintersport bringt. Und hier sehe ich unseren Schnee eindeutig im Vorteil, ungeachtet von Energie und Wasserverbrauch. Vor einigen Jahren zählte noch das Argument „Schneesicherheit“ und „Schneegarantie“. Heute zeigt das Rahmenprogramm der Wintersportdestinationen auf, wie wichtig das allgemeine Erlebnis beim Winterurlaub ist und das wollen wir zurück auf die Skipiste bringen. Zuerst einmal in Mikro-Anwendungen und später auch im größeren Ausmaß.

Mir gefällt euer Denken, zuerst im Kleinen anzufangen und nicht gleich so dick aufzutragen. Das ist man im Bereich des Wintertourismus nicht mehr gewöhnt. Wie lange müssen wir uns noch gedulden, bis euer Schnee einsatzfähig sein wird, und was sind eure Ziele für die nächsten Jahre?

Wir planen bereits intensiv für die nächste Saison. Wir wollen zumindest eine solche Mikro-Anwendung in einem Skigebiet realisieren. Der heurige Winter dient uns dazu, diese Anwendung vorzubereiten bzw. den Prozess des Schneemachens weiter zu optimieren. Sehen und angreifen kann man unseren Schnee heuer bereits im Skigebiet Obergurgl/Hochgurgl. Für nächstes Jahr wird die Form der eigentlichen Wolkenkammer nicht geändert, allerdings das optische Erscheinungsbild. Mehr möchte ich gar nicht verraten. Von dieser Anwendung ausgehend, wollen wir unser Konzept in mehreren Skigebieten umsetzen. Langfristig planen wir auch eine mobile Beschneiungslösung, um die flächige Schneeerzeugung zu ermöglichen. Abseits von Skipisten gibt es auch jede Menge Anwendungsmöglichkeiten für unseren Schnee. Auch die Märkte für Indoor-Schnee und Wellness wollen wir für uns nutzen.

(c) Bild Michael Bacher: Promedia