Die HISTORIKERinnen: Brücke zwischen universitärer Forschung und der Nachfrage der Menschen

Wenn drei gestandene AkademikerInnen an einem Strang ziehen, ist fast alles möglich. Das beweisen Maria Heidegger, Marina Hilber und Gerhard Siegl. Sie verstehen sich als Botschafter ihres Fachs und wollen Geschichte in die Breite tragen. Ein Interview mit drei Motivationsbomben, die mit dem ersten Tiroler History-Startup voll durchstarten.

Warum gründen HISTORIKERinnen?

Wir haben alle drei im Fach Geschichte promoviert und kennen uns von der Universität Innsbruck. Nach vielen Jahren in der Forschung und Lehre, kamen wir an den einen Punkt, an dem die universitäre Karriere Schwierigkeiten bereitete. Weil wir unseren Beruf aber weiterhin mit Leidenschaft ausüben wollen, war der Schritt in die Selbständigkeit naheliegend. Wir möchten unsere langjährige Erfahrung und unser Know-how nun an unsere Kunden weitergeben, und der Erfolg der ersten Monate zeigt, dass wir mit dieser Idee ins Schwarze getroffen haben: Geschichte geht jeden an und kann auch für Unternehmen, Touristiker und Gemeinden sehr interessant sein.

 „Selbstständig zu werden ist ein gutes Gefühl und verleiht Hochstimmung“

An der Universität wird Spitzenforschung betrieben, die oft nicht bei den Menschen ankommt, obwohl das Interesse für historische Themen eigentlich vorhanden wäre. Gerade wenn es um die Geschichte unmittelbar vor Ort geht – meine Familiengeschichte, die Geschichte meines Hauses oder Hofes, die Geschichte meiner Firma usw. – öffnet sich eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Diese Lücke wollen wir mit unseren professionellen Angeboten überbrücken. Dabei legen wir größten Wert auf individuelle Beratung, inhaltliche Ausführung nach wissenschaftlichen Standards und moderne, frische Vermittlung von Geschichte.

Wie fühlt ihr euch nun als Gründer, nach eurer bisherigen akademischen Karriere?

Wir fühlen uns sehr wohl damit. Selbstständig zu werden ist ein gutes Gefühl und verleiht Hochstimmung. Die Zeit der Gründung war allerdings sehr emotional. Manchmal haben wir über Reaktionen aus unserer Umgebung geschmunzelt, die von Mitleid, Mutzusprache bis zu Neid gereicht haben. 2017 ist unser erstes Jahr und bereits am Anfang haben wir gute Aufträge bekommen. Der Schlüssel zum Erfolg ist die exzellente Vernetzung im akademischen und wissenschaftlichen Bereich sowie mit allen Stakeholdern, die mit Kultur und Geschichte zu tun haben.

„Mit History Marketing und History Consulting bringen wir neue Angebote auf den westösterreichischen Markt.“

Wie gestaltet sich der Markt für historische Dienstleistung in Österreich, und wie wollt ihr euch positionieren?

Es gibt in Tirol die professionelle Familienforschung und die Häuser- und Höfegeschichte. Dann gibt es Erbermittler, die aber keine klassischen Historiker, sondern Sprachwissenschaftler und Juristen sind. Wir verstehen uns selbst als Brücke zwischen der universitären Forschung und der Nachfrage nach Geschichte in der breiten Öffentlichkeit. Damit ist auch schon erklärt, wie wir bei Heidegger, Hilber und Siegl Geschichte betreiben wollen: als Public History, die sich mit jenen Themen beschäftigt, die auch verlangt werden bzw. den Menschen unter den Nägeln brennen. Das Besondere an uns ist, dass wir in unserem Team vielfältige Kompetenzen bündeln und mit neuen Angeboten auf dem westösterreichischen Markt erscheinen, wie etwa History Marketing oder History Consulting.

Wie darf man sich euer Angebot an Dienstleistungen konkret vorstellen?

Das ist sehr vielseitig, unsere potentiellen Kunden sind Privatpersonen, Gemeinden, Institutionen, Vereine und Unternehmen. Neben der herkömmlichen Familien- und Höfegeschichte, orientieren wir uns zunehmend in Richtung History Marketing. Die Kenntnis über historische Entwicklungen der eigenen Firma, von Patenten und Produkten, kann für die Unternehmenskultur besonders wertvoll sein. History Marketing hat eine integrative Funktion, und zwar nach innen und außen. Auch im Bereich Recruiting kann History Marketing interessant sein, um ein Unternehmen für gute, oft rare Arbeitskräfte attraktiv zu präsentieren.

„Jeder hat Geschichte. Jeder Mensch, jedes Dorf, jede Firma. Sie wird nur selten in Wert gesetzt. Aber ohne Kenntnis der Vergangenheit können wir keine positive Zukunft gestalten.“

Ein spannendes Angebot ist auch das History Consulting. Dabei geht es darum, historische Beratung, etwa für Filmprojekte oder Projekte in Politik und Wirtschaft anzubieten. Unser Portfolio enthält überdies Leistungen für den Tourismus. Gäste wollen heute wissen, wo sie stehen, in welchem historischen Raum sie sich bewegen, welche Erinnerungsorte sie entdecken können, was sie essen, und welche historischen Pfade und Wege zu erwandern sind.

Wie vermarktet ihr euch? Wie kommt ihr zu neuen Kunden?

Wir nutzen Social Media und haben unsere eigene Homepage auf Deutsch und Englisch. Aber das wichtigste ist die Mundpropaganda und unser riesengroßes Netzwerk. Wir gehen auch aktiv auf Kunden zu. Ein guter Weg, um das Bewusstsein für den Bedarf an historischer Arbeit zu schaffen, ist das Aufmerksammachen auf Jubiläen. Dabei beraten wir auch gerne engagierte Hobbyhistoriker oder Dorfchronisten und unterstützen sie in ihrer wichtigen Arbeit.

Quo vadis Die HISTORIKERinnen? Wo seht ihr euch in fünf bis zehn Jahren?

Das wird bei allen dreien unterschiedlich sein. Grundsätzlich haben wir das Ziel, von Heidegger, Hilber und Siegl gut leben zu können. Dennoch schielt man mit einem Auge an die Uni, bewirbt sich für freie Stellen, arbeitet an Projekten mit. Unser Unternehmen ist aber mehr als ein Auffangnetz in schlechten Zeiten. Wir wollen es zum Erfolg führen und gehen davon aus, dass es uns bis ans Ende unserer Berufstätigkeit begleiten wird. Jungen AbsolventInnen ohne Berufserfahrung und Einbettung in diversen Netzwerken würden wir aber eher vom Gründen abraten.

http://www.diehistoriker.at/

Copyright Fotos: Daniela Venier