Startup Luft schnuppern

Erasmus und Gründer – zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen. Denn der Begriff Erasmus weckt bei den meisten wohl zunächst eher Assoziationen an partywütige Studenten in den Metropolen Europas als an Jungunternehmer auf der Suche nach neuen Impulsen und Märkten. Doch falsch gedacht: die EU-Initiative Erasmus für Jungunternehmer hat genau dies zum Ziel. Erreicht werden soll der Wissens- und Ideenaustausch durch die Zusammenarbeit von motivierten (zukünftigen) Gründern und erfahrenen Unternehmen in verschiedenen europäischen Staaten.

Das Programm

„Erasmus für Jungunternehmer“ klingt fast zu gut, um wahr zu sein: junge Menschen mit einer Gründungsidee oder welche, die diese bereits in die Tat umgesetzt haben, arbeiten für 1-6 Monate in einem anderen europäischen Land in dem Betrieb des erfahrenen Gastunternehmers, idealerweise einem KMU. So sollen die jungen Unternehmer die Fähigkeiten erlernen, die für die erfolgreiche Gründung und Leitung eines Unternehmens notwendig sind, und erste Kontakte zu potentiellen Geschäftspartnern knüpfen, während der Gastunternehmer von innovativen Ideen und spezifischen Kenntnissen des Neuunternehmers profitiert. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist in vielen Fällen sogar eine langfristige Geschäftsbeziehung zwischen den beiden Partnern. Die perfekte Win-Win-Situation? Die Erfolgsgeschichten der Initiative sprechen für sich.

Zahlen und Fakten

Laut Junge Wirtschaft der Wirtschaftskammer Österreich sind momentan 200 österreichische Unternehmer in der Datenbank des Programms registriert; bei 91 davon handelt es sich um Gastunternehmer (Hosts), 109 sind die sogenannten New Entrepreneurs (Jungunternehmer). Die Zielländer der österreichischen Jungunternehmer waren hierbei in den letzten Jahren vielfältig: Türkei, Portugal, Polen – die jungen Gründer zieht es in die unterschiedlichsten Ecken Europas. Die ungeschlagenen Favoriten bleiben jedoch Deutschland und Spanien, was nicht zuletzt an der Hoffnung an gute zukünftige Geschäftsbeziehungen liegen mag.

Auch die Branchen der teilnehmenden Unternehmer decken die unterschiedlichsten Bereiche ab: vom Medien-, Werbe- und IT-Bereich über Tourismus und Consulting bis hin zu Bekleidungsfirmen und Architektur gehen sie den verschiedensten Berufen nach.

Die Funktionsweise

Interessierte Unternehmer können sich ganz einfach über das Online-Tool der Initiative anmelden. Dort ist die Angabe der lokalen Kontaktstelle obligatorisch, welche während des gesamten Prozesses Unterstützung und Hilfe bietet. Zudem muss ein Lebenslauf hochgeladen werden, und von den Jungunternehmern wird zusätzlich die Ausarbeitung eines Business-Plans erwartet. Wird der Unternehmer in das Programm aufgenommen, kann er auf eine Datenbank zugreifen, welche alle akzeptierten Unternehmen enthält. Jetzt muss nur noch der perfekte Partner ausgewählt werden und das sogenannte Commitment, ein Plan für die konkrete Umsetzung und die Inhalte des Austauschs, erstellt werden, und schon kann der Austausch losgehen!

Jungen Wirtschaft – die Kontaktstelle

Da auch motivierte Unternehmer Hilfe und Beratung brauchen, stehen den Teilnehmern des Programms lokale Kontaktstellen zur Verfügung, wie zum Beispiel die Junge Wirtschaft der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) in Wien. Diese unterstützt die Teilnehmer im Anmelde- und Vermittlungsprozess und vor und nach dem Auslandsaufenthalt. Da der Prozess für die Jungunternehmer etwas komplexer ist, da sie zusätzlich zum Lebenslauf einen Business-Plan erstellen müssen und das Land verlassen, wird die Junge Wirtschaft vorwiegend von dieser Seite konsultiert, aber steht natürlich auch den Gastunternehmern offen. Die Aufgaben der Jungen Wirtschaft sind also vielfältig – zunächst prüft sie den über das Online-Tool hochgeladenen Lebenslauf und Business-Plan und bei Problemen des Matching der beiden Unternehmen hilft sie weiter und versucht über die Kontaktstelle im jeweiligen Land direkt zu vermitteln. Auch bei der Erstellung des Commitments bietet die Junge Wirtschaft ihre Hilfe an. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch ihre Aufgabe als finanzieller Unterstützer, da sie den monatlichen Geldbetrag überweist. Last but not least befasst sie sich mit der Evaluierung der Teilnehmer, welche nach Ende des Austauschs erstellt wird.

Tipps für junge Entrepreneure

Das Programm scheint die perfekte Win-Win-Situation zu kreieren. Doch damit sowohl Jung- als auch Gastunternehmer zufrieden aus dem Austausch herausgehen und Probleme und Konflikte vermieden werden können, sollten einige Punkte beachtet werden:

  • Übereinstimmende Erwartungshaltungen: Damit beide Seiten von dem Programm profitieren können, sollte die Beziehung zwischen Gast- und Jungunternehmer unbedingt gleichberechtigt aufgebaut sein. Um die Erwartungen abzugleichen, ist daher ein Kennenlernen vor dem Austausch per Skype ratsam.
  • Erweiterte Suchkriterien: Zu eng gesetzte Suchkriterien erschweren das Finden eines passenden Unternehmer-Pendants. Daher ist es empfehlenswert, auch in Ländern oder Städten zu suchen, die nicht zu 100% dem Wunsch des Unternehmers entsprechen.
  • Expertise: Nur wenn der Jungunternehmer in dem Bereich Expertise besitzt, welcher für das Gastunternehmen relevant ist und umgekehrt, ist ein sinnvoller Wissensaustausch möglich.
  • Aussicht auf Geschäftsbeziehung: Wenn möglich sollte ein Land ausgewählt werden, mit welchem sich dem Unternehmer in Zukunft eine Geschäftsbeziehung vorstellen kann. Eine gemeinsame Sprache kann dabei nur von Vorteil sein.

Erfahrungsbericht

Mathias Haas, 2013/14 als Jungunternehmer im Ausland und mittlerweile selbst schon zwei Mal Host Entrepreneur: „Ich wurde durch eine Konferenz auf das Programm aufmerksam gemacht und wollte die Chance nutzen, um Einblicke in ein ähnliches Unternehmen und einen neuen Markt, Deutschland, zu bekommen. Das hat mir bei meiner eigenen Gründung einen Wissensvorsprung und ein erweitertes Netzwerk, über Landesgrenzen, verschafft. Die 6 Monate waren genug um sich an das neue Umfeld zu gewöhnen und tiefe Einblicke in einen neuen Markt zu bekommen.
Zu meinen Aufgaben zählte die Social Media Betreuung und Optimierung einiger Projekte und Events, die Erstellung von verschiedenen Social Media Inhalten wie Videos, Fotos und Texte, die Planung und Durchführung von Social Media Schulungen und Seminaren sowie das Eventmanagement eines einwöchigen Camps mit 80 Sozialen Unternehmern aus aller Welt. Außerdem gab es genug Ressourcen und Support meine eigenen Projekte weiter zu verfolgen. In dieser Zeit habe ich für mein Unternehmen sehr wertvolle Tipps sammeln können. Ich kann junge UnternehmerInnen das Programm sehr empfehlen als „Temperatur Check“, ob das Business so ist, wie man sich das auch vorstellt. Darüber hinaus habe ich mein Netzwerk massiv erweitert, konnte neue Kunden gewinnen und neue Kooperationen schließen. Mittlerweile bin ich selbst Unternehmer-Host und habe bereits meinen dritten New Entrepreneur.“

Fazit

Alles in allem stößt das Programm auf große Begeisterung und wird sehr gut angenommen – so gut, dass sich viele der ehemaligen Jungunternehmer später dazu bereit erklären, selbst Gastunternehmer zu werden. Kein Wunder, denn gerade in der heutigen Zeit ist ein internationaler Austausch sehr bereichernd; dies gilt besonders für eine exportorientierte Wirtschaft wie die österreichische. Die Nutzung der Chancen und Perspektiven des europäischen Marktes und vor allem der Aufbau persönlicher Kontakte ist am besten durch einen eigenen Auslandsaufenthalt möglich. Also nichts wie weg, denn so erhalten alle die besten Ergebnisse!