Bedeutet Scheitern immer gleich das Ende?

Review der FuckUp Night Innsbruck #6
Am 16.11.2016 feierte die FuckUp Night in Innsbruck ihren ersten Geburtstag. Im vergangenen Jahr fanden bereits fünf dieser Veranstaltungen in der Bäckerei statt, bei denen schon insgesamt 14 Speaker einen „Seelenstriptease“ auf die Bühne gebracht haben.

Aber um was genau handelt es sich denn bei diesen FuckUp Nights?! Ursprünglich entstanden ist die Bewegung vor ziemlich genau vier Jahren in Mexico. Die Idee war, Gescheiterten und ihren Geschichten eine Bühne zu bieten – Wo wurde Fehler begangen? Woraus können andere vielleicht lernen? Die Regeln waren einfach: Drei Personen, die in je zehn Bildern in sieben Minuten über ihr Scheitern erzählten.
Die FuckUp Nights wurden schnell zu einer globalen Bewegung und finden inzwischen in 170 Städten in 58 Ländern statt.

Im Laufe des Abends wurde jedoch schnell deutlich, dass es nicht darum geht, die Speaker für ihre Fehler bloßzustellen. Vielmehr wurde gezeigt, dass man daraus lernen kann und sollte und somit Scheitern nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang ist. Die FuckUp Night in Innsbruck steht ganz unter dem Credo „experiment – FAIL – learn – repeat“.

Trotzdem ist die Überwindung recht groß, vor ca. 200 Leuten darüber zu reden, was man alles in den Sand gesetzt hat. Bettina, die die FUN Innsbruck von Beginn an moderiert hat, erzählt von den Problemen, vor denen sie stand, um genug Speaker zu finden. Immer wieder bekommen Leute kalte Füße und sagen kurzfristig ab, weswegen es im Endeffekt auch nur zwei auf die Bühne geschafft haben. Umso mehr Respekt gebührt den zwei Mutigen, die ihre Geschichte mit anderen teilen – und so unterschiedlich sie sind, so spannend ist es zuzuhören.

Markus Vogel – BASSALO

Rosafarbenes Hemd, breites Grinsen – so steht der 35 jährige sympathische Unternehmer vor uns, um die Geschichte rund um sein Produkt BASSALO zu präsentieren. Und diese Geschichte hat wirklich viele Aufs und Abs.

Der gebürtige Baden-Württemberger ist seit fünf Jahren selbstständig und war davor acht Jahre in der Speditionsbranche tätig. Lang lang ist’s her, dass Markus mit Freunden in seiner Freizeit ein kleines Spiel entwickelte. Es ging darum, sich gegenseitig Bälle zuzuwerfen und diese in Chipsdosen aufzufangen. Durch seine Ausbildung als Freizeit- und Outdoortrainer bot sich ihm die Möglichkeit, sein Spiel auf diversen Spiel- und Freizeitevents zu testen und siehe da; es kam an. So setzte sich irgendwann die Idee in seinem Kopf fest, sich mit BASSALO selbstständig zu machen. Aber wieso eigentlich Bassalo? Der Vorschlag zu diesem Namen kam von Markus‘ Mutter, die Venezuelanische Wurzeln hat. Im Spiel mit ihrem Sohn rief sie ihm oft „passa la“ zu, was übersetzt so viel wie „pass ihn“ bedeutet. Da die Domain „passala“ schon vergeben war, landete er schließlich bei BASSALO.

Die Idee war geboren, doch Geld musste her. Die Banken verlangten einen Businessplan, welcher (nach kurzer Google Recherche) auch fix geschrieben war. Doch die Finanzen waren nach wie vor ein Problem. Markus hatte zu dieser Zeit seinen Job in der Spedition aufgegeben und entwickelte sich warhlich zum Jobhopper – vom Handelsvertreter über Sky Promoter bis hin zur Arbeit im Hochseilgarten. Nach wie vor tat sich nichts und das Burnout stand kurz bevor. Schließlich führt ihn sein Weg sogar zu einer Freundin seiner Mutter, die ihm den Kaffeesatz lesen sollte. Laut Markus „probiert man halt alles aus, wenn man am Arsch ist“. Angeblich sollte ihm eine einmonatige BASSALO Pause helfen und zwei Männer, die er kennenlernen würde, sollten den Durchbruch bescheren.

Und tatsächlich meldete sich am Ende des Monats eine Werkstatt aus Bayern, die bereit war, die Becher für sein Spiel für einen guten Preis herzustellen. Als die zwei Herren, mit denen es Markus zu tun hatte, auch noch genau auf die Beschreibung der Kaffeesatz Leserin passten, fackelte er nicht lange herum und der Deal war gemacht.

Soweit so gut, aber das benötigte Geld fehlte dem Unternehmer immer noch. Um letztendlich doch noch einen Kredit von der Bank zu bekommen, fing er notgedrungen wieder an, in der Speditionsbranche zu arbeiten. Bereits nach drei Monaten war ihm allerdings klar, dass er mit seinem Herz und Kopf zu sehr bei BASSALO war und kündigte wieder. Die Bank machte Druck, die Schulden häuften sich, Freunde und Familie waren aus verschiedenen Gründen unerreichbar – kurz: ein neuer Tiefpunkt war erreicht.

In einer solchen Situation noch positiv zu bleiben und sich wieder aufzurappeln scheint nicht leicht, doch der Unternehmer ließ sich nicht unterkriegen. Die Arbeit im Hochseilgarten, die er zu diesem Zeitpunkt wieder aufgenommen hatte, half ihm dabei enorm. Er war viel in der Natur und umgab sich mit positiven Menschen. Die Teilnahme an zwei Feuerlaufseminaren gab ihm das Gefühl, dass alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt. Markus lernte, dass man nur Vertrauen in die Dinge haben muss und auch mal loslassen sollte. Dafür spricht sich auch sein großes Vorbild Lola Jones in ihrem Buch „Alles läuft super während ich weg bin“ aus.

Mit der Unterstützung von Freunde und Familie hielt sich Markus über Wasser. Überall, wo er hinkam, versuchte er sein Spiel zu verkaufen; sei es im Fitnessstudio oder an der Tankstelle. Und inzwischen wird BASSALO von Schulen oder Vereinen bestellt und einige Großhändler wollen das Produkt in ihrem Sortiment aufnehmen. Voller Vorfreude erzählt der Unternehmer von den positiven Wendungen und was noch alles auf ihn zukommen wird. Seine Geschichte schließt er mit den Worten „Lass dich nicht vom Markt oder sonst was beeinflussen. Mach dich und die Welt um dich herum glücklich“.
Da hab ich nichts mehr hinzuzufügen.

Mag. Moritz Willburger – blue sparrow

Die drei Worte, mit denen sich Moritz Willburger vorstellt, sind: CFO (Chief Financial Officer) der Firma, Legastheniker und Optimist – cooler Typ.

Bei der Firma handelt es sich um blue sparrow, die Moritz zusammen mit Dr. Michael Niedermayr und Stefan Niedermayr gegründet hat. Sie selbst bezeichnen sich auf ihrer Website als „nerds with a crazy vision and lots of passion“. Die Idee ist es, eine Drohne zu entwickeln, die kleiner ist und leichter zu bedienen als herkömmliche Drohnen. So wollen sie es ermöglichen, dass jeder (auch ohne diverse Fluglizenzen) seine besten Momente unkompliziert aufnehmen kann. Die Firmenpolitik steht, zahlreiche Investoren und Zulieferer sind eingespannt und das Produkt wird voraussichtlich innerhalb des nächsten Jahres zum Verkauf stehen, doch bis hierhin war es ein weiter Weg.

Vor zwei Jahren lernte Moritz über Bekanntschaften seinen jetzigen Geschäftspartner, den Experimentalphysiker Michael Niedermayr, kennen. Schnell war die Idee von blue sparrow geboren und engagierte Mit-Visionäre gefunden. In sechs Monaten sollte das Produkt auf dem Markt sein – ganz schön optimistisch.

Die ersten Meetings mussten zwangsläufig bei Moritz stattfinden, weil dieser durch verschiedene Operationen gehandikapt war. Der Unternehmer war nämlich bereits mit elf Jahren als Snowboarder in der Funsport Szene vertreten und obwohl er nach einem Unfall im Alter von 14 Jahren nicht mehr professionell damit weiter machen konnte, hat er nie den Spaß an risikoreichen Sportarten verloren. Und das kann nun mal mit Verletzungen einhergehen. So kam es also, dass blue sparrow seinen Sitz in einer Studentenbude hatte.

Ein Zimmer mit einem Bett und sechs Arbeitsplätzen – so arbeiteten die Visionäre über eineinhalb Jahre. Es wird bis heute noch täglich gemeinsam gegessen, was dem Team sehr wichtig ist. Moritz betont, dass man in dieser Zusammenarbeit nicht der beste Freund von jedem sein müsse, aber eine gute Kommunikation das A und O sei. Als sich das Projekt immer weiter entwickelte und größer wurde als ursprünglich abzusehen, musste ein zweites Zimmer her, in dem täglich zwischen Wäscheständer und Bierdose geackert werden kann.

Doch auch in dieser erfolgversprechenden Unternehmung wurden zweifelsohne Fehler begangen.
Mit acht Personen eine GmbH gründen? „Wieso nicht?“ dachten sich die Jungunternehmer. Die Einnahmen lassen sich prima teilen und die Arbeit leisten ja immerhin alle. Dass das nicht so unkompliziert ist wie es klingt, wurde dann auch schnell klar und so steht blue sparrow heute mit zwei Firmenchefs da.
Auch wie man bei der Auswahl von Zulieferern für einzelne Teile vorgehen sollte, haben Moritz und sein Team erst durch ihre eigenen Fehler gelernt. Ein Anbieter – so vielversprechend er auch klingen mag – kann dennoch den Anforderungen der Firma nicht entsprechen und wenn man keine angemessenen Backup Pläne hat, wird man dadurch zurück geworfen. Deshalb suchen sich die Unternehmer inzwischen immer mehrere Teile von verschiedenen Zulieferern, um diese zu vergleichen und das Beste auszuwählen.

Es war teilweise ein holpriger Weg mit verschiedenen Problemen und Fehlern in den Bereichen Hierarchie, Kommunikation, Zeitmanagement, etc.
Doch aus Fehlern lernt man und das ist auch genau das, was sich blue sparrow immer wieder vor Augen hält. Es ist essentiell, eigene und andere Fehler zu verstehen und im Vorfeld zu vermeiden. Moritz empfiehlt an dieser Stelle das Buch „The Founder‘s Dilemmas“ von Noam Wasserman, in dem laut seinen Angaben bestimmt 90% der Fehler stehen, die sie gemacht haben.
Und anscheinend funktioniert es. Die Firma ist an einem Punkt, an dem alles zu funktionieren scheint. Glückwunsch!

Was lernen wir daraus? Jeder macht Fehler und kommt mal an einen Punkt, an dem alles gescheitert scheint, aber mit der richtigen Portion Naivität und Selbstüberschätzung kommt man mit genug Durchhaltevermögen immer weiter. Scheitern bedeutet nicht das Ende, sondern kann einen neuen Anfang ankündigen.

Wenn ihr mehr solcher Gründergeschichten hören wollt, kommt doch einfach zur nächsten FuckUp Night am 20.01.2017 in die Bäckerei in Innsbruck und lasst euch inspirieren.