David Prieth (hc-strache.at) über Internethype und Going Viral

Erbittert stritten sich die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite über den goldenen Apfel mit der Aufschrift „Die Schönste soll mich bekommen“, der zuvor von der Göttin der Zwietracht in die Menge geworfen wurde. „Man muss den Leuten nur etwas Kleines vorsetzen, und schon geht’s los.“ meint David Prieth, Veranstalter, Kulturschaffender und Künstler. „Im Netz verwischen Grenzen zwischen Darstellern und Zuschauern und häufig schaffen erst die Leute das eigentliche Kunstwerk, indem sie Teil einer Bewegung sein wollen.“ Doch wie kreiert man Hype? Welche Möglichkeiten bietet das Internet als riesige Bühne? Lässt sich Erfolg im Netz planen? Im Gespräch erzählt der Innsbrucker von seinem viralen Kunstprojekt und gibt interessante Einblicke darüber, wie man das Internet elegant zur Verbreitung (nicht nur künstlerischen) Ideenguts nutzen kann.

DIE STORY – Lachen vernichtet den Hass

Anfang des Jahres sorgt David Prieth mit seinem Kunstprojekt für Lacher in ganz Österreich und über die Landesgrenzen hinweg. Durch einen Tippfehler bemerkt er, dass die Domain hc-strache.at noch verfügbar ist – ein paar Klicks und rund 30€ später war der Grundstein für die Plattform „Haute Couture STRAßenCHEf*in“ gelegt, auf der die modebewusste Frau schicke und unter fairen Bedingungen hergestellte Kopftücher erstehen konnte – „vielseitig in der Anwendung, ob für die Gartenarbeit, für die Demo oder als modisches Accessoire in der Freizeit.“ Reaktionen in zahlreichen Medien ließen nach einem Interview mit dem ZIB Magazin nicht lange auf sich warten, und die Klicks vervielfachten sich innerhalb kürzester Zeit. Der Klage von HC Strache gegen „den Betreiber der Domain auf Unterlassung der verwechslungsfähig dem Kläger zuordenbaren Bezeichnung der Domain“ und der Forderung von 35.000€ Schadensersatz folgt die Gerichtsverhandlung. Die Premiere des österreichischen Volksdramoletts „Heimatliebe vs. Domaindiebe“ endet mit einem Happy End: der Angeklagte nimmt unter Applaus des Gerichtsaals einen Unterlassungsvergleich im Sinne des Klagebegehrens an, die Domain wird sofort offline geschaltet. Was bleibt? Vorbeugend kauft David Prieth sämtliche Domains mit seinem Namen, unter seiner Homepage kann man die gesamte Geschichte und sämtliche Medien- und Videoberichte nachlesen. Das Internet vergisst nicht.

CREATING HYPE – Viral’s secret formula

„Das Internet, sowie jedes andere Medium, verändert Möglichkeiten der Interaktion und schafft damit auch neue Spielregeln der Kunst – Kunst wird interaktiver, der Gegenstand des Kunstwerks wird erweitert. Viele Menschen können innerhalb kürzester Zeit erreicht werden und reagieren rasch und vielfältig auf unterschiedliche Eindrücke.“ fasst David Prieth zusammen. Die Online Community schleudert unbekannte Menschen aus unbekannten Motiven in bislang unbekannte Höhen – alles ist möglich in den Weiten des Internets. Doch ist, laut dem Künstler „ein gelungener Auftritt im Web bis zu einem gewissen Maß schon plan- und kalkulierbar.“ Anfangs geht es vor allem um die Vermarktung und ein einheitliches Konzept der Kanäle, längerfristig muss vor allem die Aufmerksamkeitsspanne der Netzgemeinde beständig geschürt und aufrechterhalten werden. Im Rahmen seines Vortrages bei Skinnovation 2016 stellt David Prieth 5 Faktoren vor, die seinem Projekt zum (Online-) Ruhm verholfen haben, und die sich auf eine Vielzahl (unternehmerischer) Projekte anwenden lassen:

  1. Eindruck eines Must-Have Produkts durch Identifikation mit deinen Werten (die Kopftücher werden fair und vor Ort produziert, sind maßgeschneidert und der Erlös kommt einem guten Zweck zu Gute).
  2. Entsprechende Werbung, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit – sieht der Konsument das Produkt/deine Marke an unterschiedlichen Orten und wiederholt, wird er anfangen, darüber zu sprechen, was wiederum zum WOM Hype führen kann.
  3. Wahl des Gesichts einer Person, die als Trendsetter in der Zielgruppe gilt, für die Kampagne.
  4. Gewisser Zeitdruck, der dazu führt, dass die Konsumenten schneller reagieren und unmittelbare Entscheidungen treffen.
  5. Die erlangte Aufmerksamkeit kann genutzt werden, um für andere/ähnliche Veranstaltungen und Aktionen zu werben.

Ausschlaggebend für den Erfolg des Kunstprojekts STRaßenCHEfin waren außerdem auch die Wahl des richtigen Zeitpunkts, sowie die emotionale Aufladung und offensichtliche Absurdität des Themas. Es war das Zusammenspiel aus gezielten, kleinen Aktionen und Online Reaktionen, die aus der Chefin eine Verkörperung von „Empowerment“ und der kritischen Einstellung gegenüber aktueller österreichischer Politik machte.

AKTION – REAKTION – Propaganda der Tat

„Propaganda der Tat – ein Begriff aus dem linken, anarchistischen Spektrum – steht für Aktionen mit einer Art Vorbildfunktion, es geht um subversives Umdeuten von Zeichen und um die Macht der Sprache, neue Kontexte zu kreieren.“ so David Prieth über eines der zentralen Konzepte seiner künstlerischen Arbeit. Die Frage, was Kunst bewirken kann ist zu einer Leitfrage in seinem Leben geworden. Satire ist dabei oft wirkungsvoller als offene Kritik, und ihre Macht vervielfältigt sich, wenn auch die Medien mitspielen: David gegen Goliath in einer leichtherzigen Sache, noch dazu hatte der Politiker wenig Angriffsfläche, da er im Grunde selbst schuld war – die Journalisten hatten ihre Freude mit der Thematik. „Jedes Fitzelchen, das ausgestreut wurde, wurde von der Öffentlichkeit angenommen, und die Medien haben immer genau das bedient, worauf die Aktion abzielt.“ Größter Wert wurde von Anfang an auf höchste Transparenz und einen gediegenen Umgang mit dem Thema gelegt. Der Künstler hatte nie die Absicht, den Politiker, seinen Namen oder die Partei zu beleidigen oder zu verunglimpfen – diese Umstände kamen dem Erfinder der STRaßenCHEfin schlussendlich vor Gericht zu Gute.

Subversiven Humor sieht David Prieth als bestes Mittel gegen die aktuelle österreichische Politik und Kopftuch + hc-strache als absurde Kombination, die Diskurs anregen und die Leute zum Nachdenken anregen soll. „Damit Dinge eine Bedeutung bekommen und nicht mehr allein Materie sind, bedarf es der Gesellschaft.“  (Roland Barthes, Mythen des Alltags). Das Kopftuch wird hierzulande häufig in Verbindung mit männlicher Dominanz und Unterdrückung diskutiert, und kann als Inkorporation dessen gesehen werden, was gewisse österreichische Politiker verabscheuen. Die Bedeutung des Kopftuches hängt somit von der eigenen Einstellung ab.

Die Aktion war ein voller Erfolg und die Chefin lebt weiter – in goldenen Buchstaben auf einem der 400 handbedruckten Shirts, die im Laufe der Aktion verkauft wurden und bei sommerlichen Temperaturen noch stolz zur Schau gestellt werden und in jedem von uns, ist sie doch zum Ausdruck für subversive Kritik und Leichtherzigkeit geworden.

Fazit Nummer 1: Wer interessieren will, muss provozieren.

Fazit Nummer 2: Kunst soll anstecken und anecken.

Fazit Nummer 3: Das Internet ist mächtig aber nicht unbezwingbar.