Dr. Marcus Hofer zum Start-up-Standort Tirol

Wer die Räumlichkeiten der Standortagentur Tirol betritt, dessen Blick fällt unweigerlich auf eine übermannshohe Kunstskulptur, die sich in leuchtendem Rot von der steril weißen Umgebung abhebt. Glänzend rote Bälle, zu einem Herz geformt – einem anatomisch richtigen, bei dem sich Hohlvene und Aorta erahnen lassen. Die Skulptur stammt von dem Tiroler Konzept- und Medienkünstler Thomas Feuerstein. „Ein Tiroler Herz!“ lacht Dr. Marcus Hofer, als er auf mich zukommt.

Hofer ist Geschäftsführer der Standortagentur Tirol – Dienstleisterin, Impulsgeberin und Vordenkerin für Wirtschaft und Wissenschaft rund um Wachstum durch Forschung, Technologie, Innovation und Kooperation. So sperrig steht es auf deren Webseite geschrieben. Konkret heißt das: die Standortagentur Tirol, die früher Zukunftsstiftung hieß, kümmert sich um die Stärkung der Position des Wirtschaftsstandortes Tirol. Sie begleitet und berät Unternehmer und Ideenträger beim Durchstarten am Standort, aber vor allem auch in späteren Stadien, und sorgt dafür, dass neue Arbeitsplätze entstehen. Ich bin gekommen um herauszufinden, was Tirol gerade für Start-ups so attraktiv macht.

Das Tiroler Kompetenzdreieck

Zunächst komme es auf die Branche an, meint Hofer. Die Standortagentur hebt hierbei vor allem Technologie, Gesundheit und Tourismus als Schlüsselbranchen hervor: das „Tiroler Kompetenzdreieck“. Dies sei eine einzigartige Kombination. Auch im Bereich der Erneuerbaren Energien punktet der Standort Tirol mit guten Marktvoraussetzungen. „Ökonomisch, ökologisch, sozial und kulturell sowie regional und global ausgeglichen“ – das seien die Werte, die nicht nur von der Agentur forciert werden, sondern bei innovativen Neugründungen am Standort Tirol auch häufig im Vordergrund stehen. Das bewahrt, was Tirol in den Augen vieler Ideenträger und Unternehmer einzigartig macht: die Natur und die atemberaubende Landschaft. „Viele Menschen kommen – und bleiben – wegen der hohen Lebensqualität.“, meint Hofer. Gerade für alle ski- und bergbegeisterten Gründer, deren Start-up oft auch thematisch in die Berge passt, haben Innsbruck und Tirol besonders viel zu bieten.

Das Tiroler Ökosystem

Grundsätzlich sind für Start-ups jene Lokalitäten interessant, die sich durch ein großes und aktives Ökosystem auszeichnen. Ein Ökosystem besteht in jenem Fall aber nicht nur aus anderen Start-ups, sondern vor allem auch aus Co-Working-Spaces, Forschungs- und Beratungszentren, Universitäten und größeren Firmen. „Hier in Innsbruck haben wir eine kleine, feine Szene in der man sich gut und gerne um jedes Start-up kümmert. Das Klima ist ausgezeichnet und die Gründer profitieren von der starken Wissenschaft, den kurzen Wegen, der gebündelten Unterstützung durch den Verein Startup Tirol und dem Anschluss an das Investorennetzwerk Tirol.“, so Hofer.

Als Geschäftsführer vertritt Hofer die Standortagentur Tirol nach außen, ist zuständig für die Besorgung aller laufenden Angelegenheiten, prüft Projektanträge und stellt eine ordnungsgemäße Verwendung der Fondsmittel sicher. In welche Projekte die jährlich rund 3,5 Millionen Euro an Fördergeldern fließen, das beschließt das Kuratorium, das aus Mitgliedern der Landesregierung unter Wirtschaftslandesrätin KR Patrizia Zoller-Frischauf besteht. Wenn Hofer von seiner Arbeit spricht, dann tut er das mit Begeisterung. Menschen zusammenzubringen und Netzwerke zu spannen, das bereite ihm die größte Freude im Arbeitsalltag, sagt er.

Eine der Initiativen der Standortagentur, die darauf abzielt, die Tiroler Unternehmerszene zu vernetzen, sind die Tiroler Cluster. Diese umfassen knapp 400 Unternehmen und Forschungseinrichtungen in fünf Untergruppen (nämlich Erneuerbare Energien, IT, Life Sciences, Mechatronik und Wellness), und ermöglichen Synergien und Kooperation zwischen den Clusterpartnern. Eine Aufnahme in einen der Tiroler Cluster ist für Neugründungen kostenlos, und bietet eine einmalige Gelegenheit, durch Kooperationen und Informationsaustausch mit alteingesessenen Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit und Wertschöpfung rasch auszubauen und zu steigern.

Tirol vermarkten

“Oh, darüber könnten wir ein eigenes Interview führen!“, lacht Hofer, als ich ihn frage, wie man gutes Standortmarketing betreibt. Die Betriebsansiedlung sei ein hartes Geschäft, beginnt er. Die Erfahrung zeige, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. So war es früher vor allem der Preis eines Grundstückes, der für die Betriebsansiedlung ausschlaggebend war, heute sind es qualifizierte Mitarbeiter. Für Hofer und sein Team ist die Betreuung in der Phase der Betriebsansiedlung am intensivsten, denn dort gehe es darum, ortsfremden Unternehmern verlässlich zu vermitteln, dass sie in guten, professionellen Händen sind.

Die Tiroler Zukunftsstiftung gibt es bereits seit 1997. Seitdem hat sich viel getan, um die faszinierende, schillernde Start-up Szene hat sich gar ein Hype gebildet – die hippe Gründer-Kultur ist längst in der breiten Öffentlichkeit angekommen, und wird medial und lukrativ vermarktet. Doch was ist eigentlich ein Start-up? Hofer definiert es als eine frühe Phase eines innovativen, neuartigen Unternehmens auf der Suche nach einem skalierbaren Geschäftsmodell mit hohem Wachstumspotenzial. Es geht also nicht primär um den Lifestyle. Dass der Gründerhype langsam abzuklingen scheint, hält Hofer für gut. Auch wenn er dazu geführt habe, dass sich nicht nur die öffentliche Hand, sondern zunehmend private Investoren um Neugründungen kümmern, sei es nun an der Zeit, dass sich die Start-up Szene institutionalisiert. Wesentlich verändert habe sich der Markt durch die zunehmende Internationalisierung: so bewarben sich zu einem ausgeschriebenen Workshop für europäische Start-ups mit innovativen IKT-Technologien für den Tourismus- und Freizeitmarkt, dem „Go Tirol“ Programm im April dieses Jahres, über 50 Unternehmen aus ganz Europa.

Start-up- Standort Tirol morgen

Ein Start-up zu gründen ist heute so angesagt wie Anfang der 1990er-Jahre in einer Rockband zu spielen. Oder? „Naja“, zögert Hofer, „wenn ich vor Studierenden Vorträge halte, dann stelle ich anfangs immer dieselbe Frage: ‚Wer möchte denn gründen?‘. Meistens zeigt dann – wenn ich Glück habe – eine Person auf. Oft gar leicht verschämt!“ Da sieht Hofer Verbesserungspotenzial: Bewusstseinsbildung soll bereits in jungen Jahren beginnen, bestenfalls noch zu Schulzeiten. Das Mosaik des Standortes Tirol sei schon recht vollständig, fügt er hinzu, in den letzten Jahren sei viel getan worden, was die Rahmenbedingungen betrifft.

Als mich Hofer am Tiroler Künstler-Herz vorbei zur Tür begleitet, frage ich ihn, was er sich für die Zukunft im Hinblick auf den Start-up-Standort Tirol denn wünsche. „Tirol soll zum Start-up-Hub werden!“ erwidert er prompt, und verabschiedet sich mit einem festen Händedruck.

Foto: Standortagentur Tirol; Dr. Marcus Hofer mit Wirtschaftslandesrätin Patricia Zoller-Frischauf und Landeshauptmann Günther Platter