Innovation never happens in the Office

Am 23. November wurde der Tiroler Innovationstag 2016 unter dem Motto „Aufbruch zu neuen Ufern“ im Kongresspark Igls nahe Innsbruck veranstaltet. Ein Review über einen spannenden Abend voller Innovation und die Begegnung mit interessanten Persönlichkeiten.

Dr. Harald Gohm (Geschäftsführer, Standortagentur Tirol) eröffnete eine rund 90 Minuten dauernde Präsentation bzw. Diskussion und übergab sogleich das Wort an den Moderator Claus Reitan. Dieser kündigte das Programm des Abends an: Zunächst wurden drei Keynotes präsentiert, ehe eine Podiumsdiskussion mit den vorherigen Referenten und dem Querdenker Dr. Andreas Braun (Destination Wattens) folgte. Die erste Ansprache oblag jedoch der Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf (ÖVP). Unter den Gästen aus der Politik befand sich zwischenzeitlich auch Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe (Die Grünen).

Wohlstand erst erwirtschaften und dann verteilen

Zoller-Frischauf sprach über die Chancen und Herausforderungen für den Standort Tirol. Was die Wirtschaft und Innovation angehe, müsse man „bei der Jugend beginnen“. Tirol müsse mehr junge Menschen für technische Berufszweige begeistern. Die Landesrätin referierte ebenso über die Arbeit der Standortagentur. Wettbewerb brauche auch Zusammenarbeit und insbesondere Vernetzung – eine Kernaufgabe der Standortagentur. Zoller-Frischauf betonte, man müsse „vergleichbar sein ,um erfolgreich sein zu können“. Die Antwort auf die Wahl von Donald Trump sieht sie in der Stärkung der Wirtschaft in Europa. Österreich müsse darüber hinaus wieder eine Leistungsgesellschaft werden. Der Wohlstand, den man verteilen kann, müsse zuerst einmal erwirtschaftet werden.

Zoller-Frischauf zeichnete in summa ein rundum positives Bild des Standorts Tirol, kündigte die Entstehung neuer Branchen und Berufe an und versuchte daran zu erinnern, dass auch andere Standorte „nur mit Wasser kochen“ würden.

Ein Amerikaner in Tirol: Live. Ski. Repeat

Der erste Referent war der US-Amerikaner Tim Bantle von der Firma Black Diamond. Er sprach zunächst über die Entstehungsgeschichte des Herstellers von Ski und Climbing Equipment, stellte innovative neue Produkte vor (etwa einen Airbag für Freerider) und präsentierte die Ziele von Black Diamond. Diese lassen sich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: „We want to become the number one climbing brand in the world“. Im Zentrum stand nicht zuletzt die Ansiedlung des Betriebs in Tirol. Bantle erklärte, Innsbruck sei „the nicest climbing and skiing location in the world“, und aufgrund der Qualität an Infrastruktur, dem unmittelbaren Zugang zu den Bergen und der Mischung aus Urbanität und Natur besonders gut zu vermarkten. Black Diamond wird den bisherigen Standort Basel verlassen und nach Tirol kommen. Wie man später erfuhr, ist diese Betriebsansiedlung insbesondere auch durch die Initiative der Firma Burton, die bereits in Innsbruck ansässig ist, zustande gekommen. Eine Weisheit gab Bantle seinen Zuhörerinnen und Zuhörern noch mit auf den Weg: „When you see a company, look how many engineers they have on staff, not MBAs.“

Romeo und Julia der Innovation: Tirol meets Silicon Valley

Florian Scholochow hat in Innsbruck studiert. Während des Studiums lernte er seine jetzige Frau Christina kennen, mit der er nach Kalifornien auszog, um erfolgreich zu sein. Als Geschäftsführer von mohemian ventures kehrten die beiden wieder nach Tirol zurück. Scholochow sprach über die Investition in und Begleitung von Startups – dem Kerngeschäft von mohemian. Am Anfang eines jeden jungen Unternehmens stehe die Frage nach der Finanzierung. Scholochow empfiehlt, zunächst einen substantiellen Wert aufzubauen, bevor man Anteile verkauft und die großen Investoren hinzuzieht. Die Aufgabe von mohemian bestehe darin, die Lücke zwischen Business und Technology zu schließen. Unter dem Motto „Investieren, Inkubieren, iterieren“, unterstützt die Firma der Scholochows Startups aktiv, finanziert sie, analysiert deren Geschäftsideen samt Marktanalyse und stellt ihnen ein breites Netzwerk zur Verfügung. Am Beispiel des Projekts „mobile passport“ skizzierte Scholochow die erfolgreiche Arbeit von mohemian. Es handelt sich dabei um eine App, mit der die Einreise in die USA erheblich vereinfacht wird. Die herkömmliche Prozedur ist teuer und extrem zeitaufwendig. Jeder, der einmal nach Amerika gereist ist, wird das bestätigen. Mobile passport reduziert den Prozess auf wenige Minuten. Touristen können die Einreise nun mit ihrem Smartphone ohne großen Aufwand bewerkstelligen und den Großteil der bürokratischen Angelegenheiten bereits im Vorhinein abschließen. Mobile passport wird derzeit bereits an 20 der größten US-Flughäfen in Kooperation mit U.S. Customs and Border Protection angewandt.

Standortpflege und gezielte Betriebsansiedlung: Qualität vor Masse!

Den Abschluss der Keynotes machte Harald Gohm. Der Geschäftsführer der Standortagentur referierte über die derzeitigen Projekte. Im Zentrum steht die zielgerichtete Ansiedlung von Betrieben in Tirol. Der Standort sei hervorragend und habe großes Potential, Firmen würden aber noch fehlen. Die wertvolle Marke Tirol bedarf ständiger Pflege. Eine wichtige Aufgabe der Standortagentur sei auch das Hereinholen von Experten von außen, „die uns die Welt erklären“, so Gohm. Er sprach auch das ambivalente Verhältnis zu den Medien und bestimmten Institutionen an, die regelmäßig Kritik an der Arbeit der Standortagentur – bis hin zu ihrer bloßen Existenz – üben würden. Als Leiter eines „aufgeblähten Apparats“ sehe sich Gohm bestimmt nicht, und reagiere auf solche Aussagen gelassen. Zuletzt sprach er noch ein Projekt an, das ihm besonders am Herzen liegt. Der COWO Tirol als höchster Coworking Space der Alpen, wurde mit wenig Aufwand, aber viel Engagement umgesetzt. Innerhalb von drei Wochen konnten über 300 Gäste aus aller Welt die außergewöhnliche Location in 2000m Höhe auf Innsbrucks Hausberg, dem Patscherkofel, kennen und lieben lernen. (startalps.co hat darüber berichtet) Am aller wichtigsten war laut Gohm ein vermeintliches Detail, um die „digital natives“ anzulocken: Die Einrichtung einer ultraschnellen Internetverbindung.

Podiumsdiskussion: Mit einem Vortrag: kontrovers!

Den Schlusspunkt stellte eine kurze, aber intensive Diskussion der Referenten zum Thema „Alleskönner, Spezialist oder doch von allem ein wenig? Wo liegen die Potentiale des Standorts Tirol?“, dar. Intensiv vor allem deswegen, da Andreas Braun zu den Diskutanten hinzukam. Der charismatische Braun ist als Tiroler Querdenker und Visionär bekannt. In den 1990er kritisierte er Tiroler Gastwirte und philosophierte über Tiroler Gulasch. Der langjährige Geschäftsführer der Tirol Werbung und Initiator der Swarovski Kristallwelten hielt ein flammendes Plädoyer über den Unternehmerbegriff, kritisierte die überhand nehmende Globalisierung und aktuelle Wirtschaftskonzepte. Seine Wortmeldungen waren von Attacken durchzogen.

In Erinnerung bleibt der Moment, als Braun sein Smartphone aus der Tasche zog, es als „vordeterminierte Obsolenz“ bezeichnete und bemerkte, dass jemand, der ein Produkt produziere, welches man nach wenigen Jahren wegschmeißen müsse, eigentlich ins Gefängnis gehöre. Bei aller Kritik an derzeitigen Wirtschaftsprozessen lobte Braun das enorme Potential des Standorts Tirol. Das Publikum reagierte auf die kontroversen Aussagen Brauns unterschiedlich, mal mit Kopfschütteln, schallendem Gelächter bis hin zu Applaus.

Die übrigen Diskutanten gingen durch die Präsenz Brauns etwas unter, äußerten sich jedoch ebenso zu den Themen Digitalisierung, Freihandel und Globalisierung. Harald Gohm betonte, dass in Zukunft die Bedeutung von Regionen gegenüber Nationalstaaten steigen werde.

Meinung des Autors: Um neue Innovationen und wirtschaftliche Ideen durchzusetzen oder Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, braucht es oftmals Vordenkerinnen und Vordenker, die sich trauen Tabus zu brechen und unangenehme Wahrheiten anzusprechen. Dabei dürfen sie zeitweise auch übers Ziel hinausschießen und eine gewisse Narrenfreiheit an den Tag legen, jedoch niemanden beleidigen oder sich dabei strafbar machen.

Noch zu erwähnen sind die Cluster Awards 2016, die im Rahmen des Abends ebenso stattfanden. Die Standortagentur stellt mit ihren fünf Clustern (Erneuerbare Energien, Informationstechnologien, Life Sciences, Mechatronik, Wellness) Informations- und Kooperationsplattformen zur Verfügung. Innerhalb dieser Kontakträume können Unternehmen zusammenarbeiten und sich austauschen, frei nach dem Motto: „Gruppensieger statt Einzelkämpfer“. Ko-finanziert werden diese Cluster vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Preisträger: jeweils 1.000 Euro

– IDM Energiesysteme GmbH, Matrei in Osttirol (Cluster Erneuerbare Energien)

– Rateboard, Innsbruck (Cluster IT)

– Cubile Health GmbH, Innsbruck (Cluster Life Sciences)

– Management Center Innsbruck, Innsbruck (Cluster Mechatronik)

– Organoid Technologies GmbH, Fließ (Cluster Wellness)

Detaillierte Informationen dazu unter:

https://www.standort-tirol.at