Wie kam es zu der Idee Liebe & Lose?

Mit meiner Frau bin ich vor einigen Jahren von der Stadt aufs Land gezogen. Obwohl ich in Innsbruck immer auf der Suche nach Hofläden, Bauernmärkten und ähnlichem war, hat mich das Angebot nie zufrieden gestellt. Entweder waren die Lebensmittel viel zu teuer oder die Öffnungszeiten waren nicht angepasst. Auf dem Land ging das dann alles viel einfacher – die Bauern sind gleich um die Ecke und stellen dir die frischen Eier nach Bedarf vor die Türe. Für mich war das wie ein „Flashback“ in meine Kindheit. Da kam mir die Idee zu einem regionalen Supermarkt. Es gibt zwar regionale Angebote in den existierenden Supermarktketten, aber dieses geht meist im Sortiment unter. Vor circa zwei Jahren bin ich dann auf das Konzept „Original Unverpackt“ aus Berlin gestoßen, das mich nicht mehr losgelassen hat. Ich bin nach Berlin gefahren und hab mich dort mit den zwei Gründerinnen getroffen und ihnen vorgeschlagen die Idee als Franchise nach Österreich und in die Schweiz zu bringen. Allerdings ging es ihnen damals zu schnell – was ich natürlich auch verstehen kann. Ich war dann noch einmal zur Eröffnung vor Ort, aber das Geschäft hat mich nicht zu 100 Prozent überzeugt und da war klar, dass ich den schweren Weg gehen muss und die Idee selbst konzipieren und planen muss. So kam es zum Liebe & Lose Shop, ein regionaler Supermarkt, der ausschließlich lose Ware anbietet – also ohne Einwegverpackung.

Trotz einer sehr erfolgreichen Crowdfunding Kampagne war ich mir aber unternehmerisch gesehen nicht sicher ob das Konzept auch profitabel und wirtschaftlich ist. Daher habe ich das Ganze auf mehrere Standbeine verteilt. Zum Supermarkt kommt noch eine Catering Firma, die die übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Shop weiterverwertet und dann per Fahrradkurier ausliefert. Somit lebt der „Zero Waste“ Gedanke weiter. Unser drittes Standbein ist ein Restaurantkonzept bei welchem unser Shop nach den Öffnungszeiten zu Kochveranstaltungen für bis zu 12 Personen genutzt werden kann. Mit den drei Einnahmequellen unter der Dachmarke Liebe & Lose befinden wir uns, denke ich, damit auf der sicheren Seite.

Hast du bisher allein an der Idee gearbeitet?

Die Idee und das Konzept stammen von mir. Das Thema plastikfrei ist vielleicht eine Kopie – obwohl ich es nicht als Kopie sondern eher als Trend sehe, bei dem ich mitschwimme. Allerdings sind wir die einzigen die frisches Fleisch, frischen Fisch und Käse ohne Verpackung anbieten. Damit sind wir europaweit Vorreiter.

Thema Wachstum: ihr startet in Innsbruck bzw. Tirol – gibt es Pläne euer Konzept in andere Städte auszuweiten?

Wir folgen nicht dem klassischen Wachstum, wo wir uns zuerst auf alle großen Städte konzentrieren. Wir planen ein strukturelles Wachstum, bei welchem wir wie ein Baum wachsen, mit dem Startpunkt Innsbruck. Da wir die Crowdfunding Kampagne in Innsbruck gestartet haben, waren wir hier unter großem Eröffnungsdruck. Als nächstes sind Standorte in Wattens, Zirl und anderen Städten in Österreich geplant. Für 2016 gibt es schon konkrete Pläne für die Schweiz.

Standortfrage: War von Anfang an Innsbruck als erster Standort geplant?

Wir haben uns anfangs nicht festgelegt. In unseren Überlegungen war München weit vorn, und auch Wien, aufgrund der Größe und des Einzugsgebiets. Auch die Schweiz ist sehr interessant, aber dort mehr die ländliche Gegend. Ich habe nicht das Ziel, Geschäft zu machen, ich möchte einen Wandel initiieren, was den täglichen Einkauf betrifft und da könnte ich überall auf der Welt starten.

Letztendlich habe ich mich für Innsbruck entschieden, weil ich mich hier auskenne. In der Stadt gibt es viel Intellekt und die Stadt unterzieht sich derzeit einem Wandel – sei es in der Gastronomie, in der Kultur, in der Musik oder in den Clubs. Es zeigen nicht mehr die Südtiroler oder die Deutschen den Tirolern wie es geht, sondern umgekehrt. Innsbruck ist ein Melting Pot und darum ist gerade die Startup Szene in Innsbruck so interessant. Darum bin ich hier geblieben – es gibt in Innsbruck Menschen, die den Wandel wollen und die das Angebot nutzen.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Wir hatten von Beginn an zwei Investoren mit an Bord. Das Crowdfunding hätten wir nicht benötigt, aber es ist ein sehr gutes Marketing Tool. Man sieht, ob die Menschen das Angebot annehmen oder nicht – da reicht oft kein Like. Ein Wertgutschein von 20 bis 30 Euro zu kaufen zeigt Commitment und zugleich generiert man damit Umsatz vorab. Bei uns konnten die Kunden Gutscheine erwerben mit denen sie später im Liebe & Lose Shop einkaufen können. Mit diesem Geld können wir zwar arbeiten, aber wir können damit z.B. keine Möbel kaufen. Daher waren wir auf die Finanzierung im Vorfeld angewiesen. Wir haben auch strategische Investoren, die nicht nur Innsbruck mitfinanzieren, sondern bei jeder weiteren Filiale dabei sind. Zudem haben wir einen Leistungsinvestor, ein europaweit führendes Unternehmen im Bereich Ladenbau. Wenn wir einen neuen Standort prüfen und uns dafür entscheiden, bekommt dieser die Lizenz von uns und kann zwei Monate später anfangen zu planen und zu bauen und am Ende stellt er das Geschäft schlüsselfertig für uns hin.

Für welche Crowdfunding Plattform habt ihr euch entschieden und warum?

Eigentlich war ich mit den existierenden Crowdfunding Plattformen nicht zufrieden und wollte zuerst eine eigene erstellen. Aber wir hatten keine Ahnung wie das überhaupt funktioniert und bevor wir 10 000 bis 20 000 Euro investieren, eine Plattform programmieren, die wir vielleicht nie wieder nutzen, haben wir uns dagegen entschieden. Wir haben dann Startnext gewählt, eine Plattform, die schon recht erfolgreich ist. Wir haben diese dann ein wenig zweckentfremdet mit unserem Gutscheinsystem. Bis heute bin ich noch nicht zufrieden mit ihrem Angebot. Wäre die Plattform besser programmiert und besser offline aufgestellt gewesen, hätten wir bestimmt noch mehr Umsatz generieren können. Die Käuferschicht ist unser Alter und manche haben da ihre Probleme mit einer Plattform, die nur online funktioniert. Die Kunden haben wir natürlich alle verloren. Wir hätten bestimmt eine größere Masse mit beispielsweise einem leichteren Bezahlsystem als Paypal oder Vorkasse erreicht. Im Moment arbeiten wir an unserer eigenen Plattform. Das Crowdfunding soll es in jeder Stadt geben, weil es einfach ein super Marketing Tool ist.

Habt ihr größere Konkurrenten?

Die Schweiz ist noch völlig jungfräulich. In Wien gibt es ein ähnliches Konzept, wobei es sich dabei aber um einen Bioladen und keinen vollwertigen Supermarkt handelt. In ein paar deutschen Städten gibt es verpackungsfreie Supermärkte und in Linz entsteht ein ähnliches Lebensmittelgeschäft. Wir wollten die Gründer auf unsere Seite holen und sie uns auf ihre, aber wir haben am Ende nicht zusammengefunden. Jetzt haben wir so einen kleinen Wettbewerb im Gange, was aber auch nicht schlecht ist. Wir kooperieren auch auf gewissen Ebenen. Allerdings war ich nicht bereit nach zwei Jahren Planung das Konzept unter anderem Namen abzugeben und sie auch nicht. In der Regalentwicklung und der Verpackungsmaterialentwicklung arbeiten wir aber eng zusammen, was auch wichtig ist. Am Ende des Tages verfolgen wir alle das gleiche Ziel und ich glaube der Markt ist groß genug für noch viel mehr Anbieter.

Was andere Supermärkte angeht sind wir mit M-Preis auf Gesprächsaugenhöhe. Sie verfolgen uns seit dem ersten Augenblick, aber auf freundschaftlicher Basis. Sie haben einen ähnlichen Hintergrund wie wir, sie finden sich in unserem Konzept auch wieder, nur haben sie nicht die Möglichkeiten, das alles so umzusetzen. Lebensmittel zu veredeln und die Reste zu verwerten wurde bei ihnen auch schon angedacht, aber wenn du 180 Filialen hast, ist das eine operative Entscheidung – ja oder nein.

Den kleineren Gemüse- und Obstläden in Innsbruck gefällt das glaube ich nicht, aber sie haben sich auch nie bei mir gemeldet. Im Grunde genommen sind sie auch keine direkte Konkurrenz, auch die Bauernmärkte und Hofläden nicht. Sie haben keine festen Öffnungszeiten, sind nur 2 bis 3 Mal die Woche in Innsbruck und haben ihre Fans und ihre Stammkunden. Meist sind es auch Lieferanten von uns, die eigentlich eher von Liebe & Lose profitieren und daher auf unserer Seite sind.

Im Catering Bereich matchen sich viele kleinere Anbieter und da ist der Markt auch riesig.

Da geht es mehr darum, wie gut und wie zeitgeistig man ist. Im Moment ist „Green“ im Trend, aber das kann sich schnell wieder ändern. Es ist immer wichtig, wendig zu sein.

Wir haben eben viele kleine Filialen und keine Großfiliale, dadurch sind wir sehr flexibel.